Berlin : Bremse kaputt, Achse morsch – und tonnenweise heiße Ladung

Burkhard Köhler spürt seit Jahren gefährliche Lkw auf. Es werden immer mehr

Werner Schmidt

Der Lastwagen mit dem polnischen Kennzeichen kam Burkhard Köhler verdächtig vor. Das Heck hing ungewöhnlich tief, und der Aufleger neigte sich auffällig zur Seite. Verkehrspolizist Köhler stoppte den am Freitag vergangener Woche auf der A 10 Richtung Autobahndreieck Schwanebeck fahrenden 40-Tonner und legte ihn gleich darauf still. 22 000 Liter heißes Kokosfett hatte der Tanker geladen – und das ohne funktionierende Bremsen. Die Bremsscheiben waren verschlissen, eine Achsenbefestigung war gerissen und die Aufhängung der beiden anderen Achsen lose. Die Folge: Durch die extreme Belastung waren bereits Teile von Rahmen und Fahrwerk beschädigt. „Ein Wunder, dass die Achse überhaupt hielt“, sagte Köhler.

Die anschließende Untersuchung eines Dekra-Sachverständigen ergab so viele technische Mängel, dass Köhler die Kennzeichen des Lastwagens abschraubte – um sicherzugehen, dass niemand heimlich mit dem maroden Brummi davonfährt: „Ohne Kennzeichen kommt er nicht weit“, sagt Köhler. Der polnische Fahrer schien nicht böse über den Zwangsaufenthalt. Er wusste von den Mängeln am Fahrzeug, hatte aber aus Angst um den Job die riskante Fahrt nicht abgelehnt. Für den 34-Jährigen war es die erste Fahrt für den neuen Arbeitgeber. Mehrere tausend Kilometer hatte er schon hinter sich: von Polen nach Rotterdam und zurück. Bis in Berlin die Fahrt zu Ende war. Ziel für Lkw und Ladung war ursprünglich Kaliningrad in Russland. Langsam sei er gefahren und immer mit mehr Abstand zum Vordermann als nötig, sagte der Fahrer den Polizisten. Dennoch – ohne Anzeige kommt der Mann nicht davon.

Seit Jahren schon registriert die Polizei eine Zunahme von Lkw und Bussen, die nach deutschen Maßstäben als nicht verkehrssicher gelten. Allein in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres wurden zwischen Frankfurt (Oder) und Berlin über 1300 Lkw und Busse kontrolliert. Über 500 hatten Mängel, fast 200 Fahrer hatten die vorgeschriebenen Lenkzeiten überschritten.

Das bevorzugte Arbeitsgebiet des gelernten Kfz-Schlossers Burkhard Köhler ist das knapp zehn Kilometer lange Stück des Berliner Rings, das zwischen den Autobahndreiecken Pankow und Schwanebeck im Nordosten über Berliner Gebiet verläuft. Alle Lastwagen Richtung Osten müssen hier durch. „Da fahren wirklich rollende Zeitbomben“, sagt Köhler. „Und es sind keine Einzelfälle.“ In den vergangenen zwei Jahren stellten er und seine Kollegen hier fast 300 Lastwagen sicher – ausländische und deutsche.

Erst Anfang Februar verboten Köhler und seine Kollegen am Kurt-Schumacher-Damm in Reinickendorf einem Lkw-Fahrer aus Mecklenburg-Vorpommern weiterzufahren. Der Lkw war mit 30 000 Liter Diesel beladen, die Bremsen wirkungslos. Für den 39-jährigen Verkehrspolizisten sind kaputte Bremsen und fehlender Abstand die Hauptunfallursachen bei Lastwagen.

Köhler hat ein „Händchen für faule Kunden“. Er kennt das, schließlich saß er jahrelang selbst am Steuer eines Lkw. Das wissen auch seine Kollegen und nutzen sein Fachwissen. Sogar einen Leitfaden hat Köhler geschrieben. Mittlerweile ist ein Buch daraus geworden. Es ist im Kirschbaum-Verlag erschienen und heißt ganz solide: „Handbuch zur Mängelerkennung am Lkw“.

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