Brennpunkt Friedrichshain : "Die Autonomen sind total nett"

Die Liebigstraße, das Epizentrum der Anarcho-Berliner. Besetzte Häuser gibt es hier, immer wieder geraten Polizisten und Linke aneinander. Viele Anwohner haben Verständnis für den Protest der Linken. Aber Autozündelei wird kritisiert.  

Frank Jansen
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Ein Hausprojekt in der Liebigstraße. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

So muss es aussehen, ein Epizentrum der Revolution. Über der Liebigstraße flattern an einer langen Schnur schwarzrote Anarcho-Wimpel zwischen den sich gegenüberliegenden, schrillbunten Häusern Nummer 34 und 14. Die Fenster sind vergittert, Türen mit dicken Vorhängeschlössern gesichert, Transparente und Graffiti rufen „Wir bleiben alle“, „Wir sind nicht käuflich“ oder schlicht „Hey Ho“. Hier und da blinkt das eingekringelte Anarchisten-A. Von den Bewohnern der in der Szene „Frauen-Lesben-Trans-Hausprojekt“ genannten Nummer 34 und des „selbstverwalteten Hausprojekts“ Nummer 14 ist am Dienstagmittag allerdings keiner zu sehen. Die Häuser wirken im Nieselregen wie Filmkulissen, die nach einem Dreh stehengeblieben sind. Doch der langsam vorbeifahrende Polizeitransporter erinnert daran, dass hier Staat und Szene einen harten Konflikt ausfechten.

Immer wieder geraten Beamte und Linke aneinander, mehr oder minder politisch motivierte Brandstifter zünden Autos an. Am Sonntag hat ein Polizist in Zivil am Forckenbeckplatz, nur wenige Schritte von den beiden Häusern entfernt, einem jungen Angreifer ins Bein geschossen. In Polizeikreisen heißt es, im Vergleich zu anderen Abschnitten in der Stadt „ist im Viertel das Drei- bis Vierfache an Beamten im Einsatz“. Doch wie reagiert hier die Bevölkerung? Da sind Antworten zu hören, die überraschen.

„Ja, natürlich“ habe sie Verständnis für gewaltsamen Protest von Linken, sagt eine etwas teurer gekleidete Frau Mitte 40, die im Kiez wohnt. Sie ist Architektin und klagt, „als Freiberufler begegnet man auch ständig Gewalt, immer wird man zu Abgaben gezwungen, da kann man kaum noch was verdienen“. Den Anblick der zwei Häuser findet sie zwar „ästhetisch furchtbar“, und sie hat auch kein Verständnis für Angriffe auf Autos, zumal ihr Cabrio was abbekommen hat, „da lief einer drüber und trat mit dem Springerstiefel in die Windschutzscheibe“. Doch sie hofft, das Haus Liebigstraße 14 werde nicht geräumt, sondern „befriedet“.

Eine junge Mutter mit Tochter bekennt, „ich bin Sympathisantin der linken Szene“. Sie habe Plakate gestaltet für Christoph T., dem die Staatsanwaltschaft Autozündelei vorwirft. Der Prozess platzte im Oktober. Wie steht die Frau zu Gewalt? „Nee“, sagt sie, „ich bin dafür, dass die Linken sagen, was sie wollen, aber das geht auch gewaltfrei“. Sie erinnert sich nur ungern an „Solipartys, da haben Leute freigedreht und dann Autos angezündet“. Die Präsenz der Polizei sei nervig, „vor zwei Wochen konnte ich nicht in meine Wohnung, alles war gesperrt“.

Die deutschtürkische Verkäuferin in der „Bäckerei 2000“, schräg gegenüber von Liebig 34 und 14, findet die Linken „total nett“. Dass hier mehr Polizei unterwegs ist, sei ihr egal. „Ich hab’ nur Angst, ich und meine Kinder geraten dazwischen.“ Den Protest der Szene findet sie legitim, Gewalt aber nicht, „um Gottes willen“. Dann wird auf „die Sparpolitik“ geschimpft, „wenn ich einen Wahlschein kriege, schmeiß ich den weg“. Eine ältere Frau empfindet für die Linken keine Sympathie, „in den letzten Wochen war viel Krawall“. Die Autobrände seien „schlimm“, sie selbst gucke „jede Nacht, ob mit unserem Wagen alles in Ordnung ist“. Fühlt sie sich von der Polizei ausreichend geschützt? Die Antwort kommt zögernd, „doch, ja“.

Es nieselt weiter, die Brille einer jüngeren Frau ist benetzt, doch sie muss ihren Schäferhund ausführen. Die Methoden der Linken seien „nicht so in Ordnung, Autos anzünden und Müllcontainer“. Doch für Protest hat sie Verständnis, „auf jeden Fall“. Denn wenn das Haus, in dem sie an der Frankfurter Allee lebt, auch saniert werde, „kann ich mir die Wohnung nicht mehr leisten. Das wird hier doch wie Prenzlauer Berg.“

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