Berlin : Bretter im Becken

Europas einziges Skateboard-Museum zieht nach Berlin. Wohin ist noch unklar. Bis dahin stellt der Gründer schon mal seine Lieblingsstücke im Stattbad Wedding aus.

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Aus dem Alter raus?
Aus dem Alter raus?

Das alte, ausgelassene Schwimmbecken bekommt neues Leben. Ollies, Kickflips – „Tony Hawk würde hier vielleicht einen McTwist machen“, sagt Jürgen Blümlein. Ein McTwist ist kein Fastfood, sondern ein Trick auf dem Skateboard, Tony Hawk ein Skateprofi und Jürgen Blümlein der Gründer des einzigen Skateboard-Museums Europas. Gerade zeigt er in einer Vorschau im Stattbad Wedding einige Ausstellungsstücke. „Skatebare Kunst“, wie Blümlein es nennt, gehört dazu: Im Becken ist ein großes, gebogenes Objekt in Form eines Puzzlestücks aufgebaut, das die Skater als Rampe nutzen. Skatemusik kommt aus den Boxen. Gelingt ein Trick, gibt es Applaus.

Jürgen Blümlein, 40, aus Mitte war mit 18 Jahren baden-württembergischer Skateboard-Vizemeister. Bei der Deutschen Meisterschaft 1991 kam er unter die besten Zehn. Doch sich mit anderen zu messen, war nicht sein Fall. Stattdessen eröffnete er ein Skateboard-Museum in Stuttgart, das jetzt, nach knapp zehn Jahren, nach Berlin kommen soll – Blümlein wohnt hier schon seit 2005 mit seiner Familie. Möglich, dass es ins Stattbad zieht, aber genau steht der künftige Standort noch nicht fest.

Einige der zukünftigen Ausstellungsstücke sind schon in der Stadt: hölzerne Skateboards, metallene Skateboards, selbstgemachte, lange, kurze, runde, eckige, Medienberichte über Skater, zerschlissene Schuhe, Skatefotografie, Skatemusik. Mit zwei siebeneinhalb-Tonnern und mehreren Privatfahrten sind sie nach Berlin umgezogen.

„Inzwischen habe ich mehr Skateboards in der Hand als unter den Füßen“, sagt Jürgen Blümlein. Er lacht trotzdem. Gerade hat er ein Buch veröffentlicht: 400 Seiten über Skateschuhe, das ist etwas für Liebhaber.

Sein Museum möchte er nicht „Sammlung“ nennen, sondern „Archiv“. „Es geht ja nicht darum, dass alles nagelneu sein muss und das keiner anfassen darf.“ Wenn Blümlein ein weiteres Skateboard zu seinem Archiv hinzufügt, probiert er es in der Regel erst einmal aus.

Einige Zeit lang hatte das Skaten einen zweifelhaften Ruf, in den USA war es teilweise sogar verboten. Es hieß, Skaten verrohe die Jugend, sei laut und dreckig, verletze die Fahrer und bedrohe Passanten. Die Szene ging in den Untergrund. Wie zur Warnung sind vor dem Ausstellungseingang genagelte Knochenbrüche auf Röntgenbildern zu sehen – Skateunfälle. So hielt das DDR-Blatt „Freie Welt“ 1988 treffend fest: „Insofern ist Rollbrettfahren, wenn nicht mit Stürzen, Prellungen oder Frakturen einhergehend, eine ausgesprochen gesunde Angelegenheit.“ Der Artikel ist in der Ausstellung nachzulesen.

Daneben hängen Fotos derselben Zeit in West-Berlin. Passenderweise lag gerade der sogenannte „Wall Ride“ im Trend, bei dem die Skater mit der Unterseite des Bretts eine Mauer berühren – und davon gab es in Berlin bekanntlich viele Kilometer lang Gelegenheit.

Die Stücke erzählen die Geschichte einer Jugendkultur. In den sechziger Jahren ging es los. Den einen Erfinder des Skateboards gibt es nicht, sagt Jürgen Blümlein. Das Brett entwickelte sich aus verschiedensten Experimenten zu alternativen Fortbewegungsarten – schon die Wikinger seien auf Schlittschuhen gefahren, erzählt Blümlein.

Immer auch durch die aktuelle Populärkultur beeinflusst, entwickelte sich das Skateboard es bis zu den neusten Varianten: Heute gibt es Boards in Form von Maschinengewehren oder der Turmfrisur von Zeichentrickfigur Marge Simpson.

Die Vorschau des Museums ist allerdings nicht nur für Jugendliche interessant. Schließlich gibt es auch erwachsene Skater, sagt Jürgen Blümlein. Bis zum Alter von 40, 50 Jahren, könne man gut auf dem Skateboard stehen.

In Berlin erlebe die Szene gerade einen besonderen Hype. „Hier gibt es dieses Rohe, dieses Urbane, die vielen Baustellen – gerade für die Fotografen ist das toll“, sagt Blümlein. Schließlich will der flüchtige Moment eines gelungenen Tricks ab und zu auch festgehalten werden. Und könnte dann irgendwann in seinem Archiv landen.

Die Ausstellung ist noch bis 31. August geöffnet, Dienstag bis Sonntag von 15 bis 20 Uhr im Stattbad Wedding, Gerichtstr. 65, Gesundbrunnen. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. www.madeforskate.com

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