Berlin : Brigitte Jonelat-Saebisch, geb. 1925

Kerstin Decker

Das Kind stand auf dem Balkon seiner Eltern in Karlshorst. Es hatte seine Sparbüchse in der Hand, drehte sie um und ließ das Geld herunterfallen. Die Nachbarskinder kamen und schrien vor Freude. Sie sammelten das Geld auf. Der Vater kam und schrie auch. Es war nichts mehr da, um es aufzusammeln.

Die alte Bildhauerin hat sich die Balkon-Szene gemerkt. Nicht, weil ihr Vater eine andere Vorstellung vom Umgang mit Sparbüchsen hatte als sie. Nein, wegen des übergroßen Glücksgefühls. Leichter werden! Alles weggeben. Oder war es die irritierende Erfahrung, wie einfach man Menschen in der Hand hält?

Leichter werden. Das Glück wiederholen. Aber Erwachsenwerden heißt schwerer werden. Du lerne etwas Solides!, sagten die Eltern und sahen mit Misstrauen die selbstgeformten Kasperle-Gipsköpfe ihrer Tochter auf dem Küchentisch.

Brigitte beschloss, den Wunsch ihrer Eltern zu erfüllen. Nie mehr Kasperle-Gipsköpfe! Metallköpfe! Solider ging es nicht. Erdenschwerer konnte keiner sein als ein Bildhauer. Kupferschwer. Steinschwer. Die Eltern waren verzweifelt. Noch nie hatte man von einem Bildhauer bei den Saebischs gehört. Und nun gar eine Bildhauerin. Gab es das überhaupt?

Jeder wusste, wie ein richtiger Bildhauer aussah. Wie Arno Breker. Breker war der Oberbildhauer, als Brigitte noch mit ihrer Sparbüchse auf dem Balkon stand.

Wahrscheinlich musste sie schon deshalb Bildhauerin werden, um den fundamentalsten Brekerschen Irrtum zu berichtigen. Was schwer ist, darf doch nicht schwer aussehen. Warum sich mit Stein und Schwermetall abgeben, wenn sie am Ende doch nicht fliegen können?

Brigitte begann, den Schwermetallen das Fliegen beizubringen. Sie fing damit auf der Kunsthochschule in Weißensee an, dann ging sie nach West-Berlin. Vielleicht, weil der Sozialismus eine grundfalsche Vorstellung vom Fliegen hatte. Als ob das gesetzmäßig sei! Als ob das so einfach sei!

Als Brigitte Jonelats eigene Töchter klein waren, balancierten sie über die halbfertig gelegten Mosaike ihres Vaters hinaus auf den Balkon. Brigitte Jonelat hatte geheiratet, einen Kunstmaler und Mosaikleger. Typischer Wohnzimmerberuf, jedenfalls bei Nicht-Atelierbesitzern. Auf dem Balkon aber standen Kraniche, Möwen, manchmal auch Pinguine aus Gips und Metall. Bildhauerin - ein typischer Draußenberuf. Jeder sah sofort, dass diese Vögel aus nichts als Aufschwungkräften bestanden. Sogar die Preisrichter bemerkten das und verliehen ihr 1961 als erster Frau den Kolbe-Preis.

Da saßen ihre Eltern in Ost-Berlin vor dem Fernseher, sahen die West-Berliner Abendschau und wussten es schlagartig: Es gibt doch Bildhauerinnen!

Außer der Bildhauerin gab es die Ehefrau, Mutter, Hausfrau, Reinemachefrau und Lottoscheinverkäuferin Brigitte Jonelat, denn von der Kunst allein konnte die Familie lange nicht leben. Und Kunstmaler eignen sich nun mal nicht als Reinigungskraft oder Lottoscheinverkäufer. Vielleicht ist es leichtsinnig, wenn eine Bildhauerin heiratet. Denn Hausfrauen können nicht fliegen. Oder erst nach Feierabend.

Also formte Brigitte Jonelat nach Feierabend die Idee des Kranichs und der Möwe. Lauter Bauhaus-Vögel: Form ist Funktion, nur viel poetischer. Weil man sah, dass Brigitte Jonelat vorher mit den Möwen, Kranichen und Pinguinen gesprochen hatte. Gelungene Synthese aus Bauhaus und Franz von Assisi.

Franziska von Assisi, haben die Töchter ihre Mutter später manchmal genannt. Es genügte nicht, wie Franziskus mit den Tieren zu reden, man muss auch das Ergebnis des Gesprächs mitteilen. Darum zuletzt die Nachschöpfung des Lebendigen im Toten. Brigitte Jonelats Töchter haben das immer verstanden.

Wo ist Mutter?, fragten sie und wussten doch schon die Antwort: Bei den Ziegen! - Brigitte Jonelat hatte sich mit den beiden Ziegen eines alten Wannseer Schusters angefreundet und das überlebensgroße Zeugnis dieser Begegnung steht seit 1966 am Kottbusser Tor, auf der früheren Ziegen-Wiese. So wie ihre Plastik eines Blindenhundes eben mit dem Tierheim umzog und ihre Möwen an den Wänden des Arbeitsamts Südwest immer weiterfliegen werden.

Die Natur, die Tiere sind stumm. Das macht ihre Trauer aus. Diese Trauer war der Bildhauerin nah.

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