Berlin : Brigitte Zypries: die ewige Debütantin

Sie waren beim Berlin-Marathon wieder nur als Zuschauer dabei? Sie wollen endlich ins Lauftraining einsteigen? Folgen Sie unseren Routen. Prominente – Profis und Hobbyathleten – verraten, wo joggen in Berlin am schönsten ist

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ACHTUNG, FERTIG, LOS! LAUFEN MIT DEM TAGESSPIEGEL (4)

Ich gebe es ja zu: Joggen macht mir keinen großen Spaß. Die Lauferei ist eher wie die Kontrolle beim Zahnarzt – nicht zu vermeiden. Zum Denken komme ich beim Joggen auch nicht, weil ein einziger Gedanke alle anderen verdrängt: Wann ist es endlich vorbei? Ich zwänge mich auch nicht in sündteure KunstfaserKlamotten. Meine Laufsachen sind allesamt Kandidaten fürs Sportartikelmuseum.

Warum mich das Laufen quält? Weil ich nur alle zwei Wochen dazu komme, im Schutz der frühen Sonne durch den Wilmersdorfer Volkspark zu traben, zusammen mit vielen anderen Unentwegten, die mitten in der Stadt für ein paar Minuten Grün und Bäume und überraschend weite Rasenflächen suchen. Die Wege sind asphaltiert, geschottert und zum Eisstadion hin auch ziemlich sandig. Zwei Fußgängerbrücken sorgen für eine kleine Bergwertung, Strecken von einem bis fünf Kilometern sind möglich, die ganz Fleißigen können im Leichtathletik-Stadion jenseits der Autobahn noch ein paar Extrarunden auf der Tartanbahn drehen.

Ich werde leider die ewige Anfängerin bleiben, die immer aufs Neue beginnt und niemals das erhebende Gefühl des Trainingsfortschritts kennen lernen wird. Dafür laufe ich zu selten, zu unregelmäßig. Warum ich trotzdem immer wieder losrenne oder, ehrlich gesagt, eher walke? Natürlich treibt mich das schlechte Gewissen. Wir Politiker sitzen zu viel, werden gefahren, gefüttert, geflogen, umhegt. Das klingt luxuriös, aber sehr schnell bekommt man Sehnsucht nach frischer Luft und Bewegung. Wir sind die Sklaven unserer Terminkalender, denn bei aller behaupteten Politikverdrossenheit fragen noch viele Vereine, Gruppen, Verbände wegen eines Besuchs an. Man muss es schon mögen, vor sechs Uhr morgens aufzustehen, um überhaupt zum Joggen zu kommen. Ich mag es meistens eher nicht.

Und ist man mal einen Wochenendtag zu Hause, beginnt es zu zwicken, das Gewissen. Es sagt: „Man müsste mal wieder...“ Also los, ab in die Laufschuhe, auch wenn es alles andere als eine Freude ist. Was wäre es großartig, stundenlang so locker und leicht zu federn wie die Kenianer beim Marathon, lächelnd auf den Steigungen, mit mächtigem Tempo auf den Geraden.

Bin ich denn die einzige, bei der die Lunge sticht, das Herz in den Ohren pocht und die Beine signalisieren, sofort aufzuhören? Immerhin: Jedes mal gibt es eine Belohnung. Denn was gibt es Schöneres als den Stolz, am Ende eines nicht so langen Laufs, sich wieder mal überwunden zu haben, es geschafft zu haben, dem Körper wenigstens ein bisschen was Gutes getan zu haben. Wer weiß: Vielleicht kommt der Tag X ja noch. Der Tag, an dem es anfängt, tatsächlich Spaß zu machen. Aufgezeichnet von H. Schumacher

Unsere Promi-Lauftipps erscheinen in loser Folge. Bisher erschienen: Joey Kelly (Schlosspark Charlottenburg, 30.9.), Tita von Hardenberg (Volkspark Friedrichshain, 7.10.) und Fabian Lenz (Schlachtensee, 14.10.).

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