Berlin : Brille? Lührmann.

Eine 19-jährige Grüne aus Hessen ist die jüngste Abgeordnete, die je in den Bundestag gewählt wurde.

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Von Stefan Jacobs

Die Masse der Kameraleute vor dem Portal des Reichstages pulsiert, als wäre der Kanzler im Anmarsch. Ringsum scharen sich Passanten in der Gewissheit, gleich Zeugen eines Ereignisses von epochaler Tragweite zu werden. Doch plötzlich stürmt die Medienmeute einer aus Funk und Fernsehen bisher nicht bekannten Jugendlichen entgegen. Einer 19-jährigen Abiturientin aus dem Main-Taunus-Kreis, um genau zu sein.

Anna Lührmann kandidierte für die Grünen auf Platz fünf der hessischen Landesliste und ist nun die jüngste Bundestagsbgeordnete aller Zeiten. Am Dienstagmorgen hat sie kurz nach fünf den Zug Richtung Berlin genommen, um ihr künftiges Büro zu organisieren und pünktlich bei der Fraktionssitzung der Grünen zu erscheinen. Die beginnt in fünf Minuten, aber vorher haben die Fernsehleute noch ein paar Fragen. Ob sie aufgeregt sei („natürlich“), ob die Grünen nicht eher eine Ein-Generationen-Partei seien („natürlich nicht“) und welche politischen Ziele sie vertrete. Anna Lührmann antwortet, sie wolle vor allem Jugendlichen den Spaß am Gestalten vermitteln und zeigen, „dass Politik nicht nur was für graue Herren ist“ und dass sie für alle Themen offen sei. Dabei lächelt sie so routiniert hinter ihrer blau umrandeten Brille, als sei sie nebenbei Model für Fielmann. Zuvor hatte einer aus der Menge noch gesagt: „Das Mädel tut mir jetzt schon Leid.“ Und ein anderer hatte ergänzt: „Auf ihrer Homepage sieht sie eigentlich ganz süß aus.“

Das ist kein klassisches Kriterium für die Bewertung von Abgeordneten, aber es wirkt. Kokett fragt der Phoenix-Reporter die 19-Jährige, ob sie denn nun „je etwas Anständiges lernen“ werde, wenn das Mandat sie am Studium hindere. Vielleicht könne sie ja nebenbei studieren, sagt Anna Lührmann aufgeräumt. Aber jetzt müsse sie leider los.

Der Fahrstuhl durchs Reichstagsgebäude passiert zunächst die so genannte Fraktionsebene, auf der sich die neu gewählten Abgeordneten an provisorischen Infoständen ihre Dienstausweise abholen können und erste Orientierungshilfen bekommen. Anna Lührmann hat immerhin schon eine WG in Mitte aufgetan. Um alles andere muss sie sich später kümmern, und ob die avisierte Studentenbude sich so leicht in eine Parlamentarierbude umfunktionieren lässt, weiß sie auch nicht. Aber die Nachwuchsgrüne lächelt tapfer weiter und versichert, dass sie sich nicht überfordert fühle von all dem Trubel. Außerdem hätten Parteifreunde ihr Unterstützung versprochen, und Berlin sei „echt super“.

Die Grünen-Fraktion tagt ganz oben, auf der Präsidialebene des Reichstages. Anna Lührmann tritt aus dem Fahrstuhl. Sie kämpft sich zu ihrem Platz im Sitzungssaal durch. Die Kameraleute stolpern hinterher und rempeln dabei fast einen Mann mit rotem Schal. Der schaut sich verwundert um und fragt: „Bin ich hier richtig bei den Grünen?“ Es ist Hans-Christian Ströbele. Der war am Tag zuvor noch aktuell.

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