Britische Lehrer über den Brexit : „Wir schämen uns“

An der Charles-Dickens-Grundschule in Westend möchte man zwar unpolitisch sein, aber viele im internationalen Kollegium äußern sich fassungslos.

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In or out? Auch in Berlin gab es Wahlwerbung, etwa in diesem Buchladen.
In or out? Auch in Berlin gab es Wahlwerbung, etwa in diesem Buchladen.Foto: AFP

Die Charles-Dickens-Grundschule im Charlottenburger Dickensweg 15 nahe dem Olympiastadion gehört zur Berlin British School, ein lauschiger Neubaukomplex. Mark Stephenson sitzt auf der Bank am Pausenhof, wo Kinder aller Hautfarben in der Hitze kicken. Er überfliegt Brexit-Ratschläge der BBC, die er sich eben ausgedruckt hat. Es sei ein trauriger Tag für ihn, sagt er. Seit vier Jahren lebt er in Deutschland. Ob er fürchte, bald den Aufenthaltsstatus eines Norwegers, eines Russen zu haben? Der 39-Jährige aus Cambridge lächelt. Tja, in einem Monat werde er eine Kolumbianerin heiraten, mit ihr bald als Lehrer für ein Jahr nach Katar gehen. Ist da nicht der Gastarbeiterstatus noch unsicherer? Dort wird man doch schon beim kleinsten Vergehen abgeschoben. Weiß ich, sagt er, immerhin müsse er dort keine Steuern zahlen. „Aber wenn wir dann hierhin zurückkommen ...?“ In seinem internationalen Kollegium gebe es keinen Lehrer, der den Brexit gut finde. Und die Achtjährigen hätten heute gefragt, ob denn Großbritannien nun noch zum Kontinent Europa gehöre?

"Es ist uns nicht nur peinlich"

Das Gespräch wird vor dem Lehrerzimmer fortgesetzt, zwei Kolleginnen kommen dazu. Sie sei fassungslos, habe geweint, sagt die eine. Zum ersten Mal im Leben schäme sie sich für ihr Land, sagt die andere, es sei ihr nicht nur peinlich, sie schäme sich. Alle hatten das Ergebnis andersherum erwartet. „How could we get to this? Seit 43 Jahren sind wir in der Community!“ Der Oppositionschef habe sich alles feixend angesehen, die Medien hätten das Thema auf tiefstem Niveau verhandelt. Da kommt der Schul-Geschäftsführer hinzu, er ist not amused und bittet um den Abbruch der Befragung. „Tun Sie mir den Gefallen. Ich habe allen Ihren Medienkollegen abgesagt. Wir sind streng unpolitisch.“

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