Berlin : Britta Neander

Geb. 1956

Thomas Loy

Die Scherben, das zerschlagene Porzellan – sie kümmerte sich darum. Ihr Leben könne man nicht verlängern, sagten die Ärzte. „Erfüllen Sie ihr alle Wünsche.“ Da bekam Britta ein Isländer-Pony, einen Stall und eine Weide.

Ins Krankenhaus musste sie trotzdem. Dorthin, wo die Kinder sterben, die Krebs haben. Lise Gast, die Pferderomanautorin, besuchte sie und las aus ihren Büchern vor. Darin wimmelt es von Mädchen und Pferden, die alles überwinden, was sich ihnen in den Weg stellt. Britta wollte auch so ein Mädchen sein. Sie wurde mit neuartigen Strahlen behandelt. Und sie trank viel Traubensaft. Nach einem langen Winter spürte sie, wie draußen der Frühling die Tiere aufweckte. Ein neues Leben begann. Auf ihrem Schicksalskonto lagen noch 35 Jahre.

Die Britta? Ach, die war unser Stern. Die haben alle gemocht.

Und sonst? Naja, sie hat im Haushalt geholfen, kümmerte sich um den Platten-Vertrieb, um die Kurzen...

Die Kurzen? Also, die Jugendlichen aus dem Rauch-Haus. Die kamen irgendwann in die WG und blieben dann einfach.

In der WG der Anarcho-Band „Ton Steine Scherben“ bewohnte Britta das Durchgangszimmer zu Funky, dem Schlagzeuger. Britta war zuerst in Rio Reiser verliebt, bis ihr klar wurde, dass er schwul ist. Dann verliebte sich Funky in Britta, die ja ziemlich gut aussah mit ihren langen blonden Haaren. Aber da liebte Britta schon Lanrue, den Gitarristen. Lanrue war in der Band die Nummer zwei. Als seine Freundin hatte Britta ein unbefristetes Aufenthaltsrecht in der WG.

Sie spielte eigentlich kein Instrument, durfte aber Percussions machen. Wenn sie mit den Scherben auf der Bühne stand, war das der Kick, auf den sie gewartet hatte. Deshalb hatte sie die Schule geschmissen, war weggegangen aus dem Rodgau bei Frankfurt am Main. War nach Berlin gegangen, um nichts mehr zu verpassen in einem Leben, das schon für beendet erklärt worden war, bevor es richtig begonnen hatte. Nicht mehr vertrösten lassen auf eine Zukunft, die vielleicht nie beginnt. Leben, sofort.

Warum zu Rio und Lanrue? Na, die kamen halt auch aus dem Rodgau.

Niemand würde etwas Böses über Britta sagen, weil sie nichts Böses tat. Rio zerdepperte mal die Küche, Lanrue ließ den Macho raushängen. Und Britta fegte dann alles wieder zusammen, die kaputten Scherben und das zerschlagene Porzellan. Überliefert ist eine Szene, die sich viel später im nordfriesischen Exil der Scherben in Fresenhagen ereignet haben soll. Es war mal wieder eine Razzia nach Leuten und Waffen im Dunstkreis der RAF. Die Polizei-Hundertschaft drehte jeden Stein um. Sogar die Küchendielen rissen sie auf, weil unter Dielen immer was versteckt ist. War aber nicht. Als die Beamten ermattet den Rückzug antraten, saß Britta mit der Einsatzleiterin auf einer Bank und quatschte und rauchte: Klar versteht sie das, wie ätzend man sich fühlt als Polizeiführungskraft in einem wichtigen Einsatz und dann findet man nichts als Mauselöcher und vertrocknete Nudeln.

Britta hatte für alle Menschen Verständnis. Mit ganz wenigen Ausnahmen. Vielleicht der Papst und bestimmt Stalin und Hitler. Offen gesagt hat sie es aber nicht.

In der Scherben-WG fühlte sich Britta wohl. Keine Debatten um Politik oder Zweierbeziehungen. Kein Plenum, keine Arbeitsgruppen. Es wurde einfach gefrühstückt, meistens bis in den Mittag hinein. Dann gingen die Musiker in den Probenraum oder ins Studio. Britta verschickte die Platten, damit etwas Geld reinkam. Oder sie malte. Auf einem Zeitungsfoto ist zu sehen, wie sie eine Glasscheibe mit einer Frau im Leopardenkostüm bemalt. Das wurde die Außenwerbung für die Prominentendisko „Dschungel“.

Als Rio keine Lust mehr hatte, seine Auftritte von K-Gruppen-Aktivisten zensieren zu lassen, zog er mit seiner Scherben-Familie an die Nordsee, in ein altes, abgewirtschaftetes Bauernhaus. Britta war endlich angekommen in ihrem Wunschreich voller lieber Menschen, Pferde und Wiesen. Sie rauchte selbst angebautes Marihuana, holte Milch vom Bauern, schrieb Gedichte und malte märchenhafte Landschaften, die von schönen Fabelwesen bevölkert wurden. Sie fand sogar den Mut, sich an das Schlagzeug zu setzen, das nicht unter das heiligste Gebot der Scherben fiel: Hände weg von den Instrumenten!

Zusammen mit Elfie und Angie, den beiden anderen Frauen in Fresenhagen, fing Britta an, selbst Musik zu machen. Im alten Silo richteten sie sich mit Teppichen und Eierpappe einen Probenraum ein und nannten sich Carambolage. Wenn Britta Schlagzeug spielte, schloss sie die Augen und ließ ihren Kopf tanzen.

Britta blieb in Fresenhagen – trotz kalter Winter, Beziehungsstress und ständigem Geldmangel. Fast bis zuletzt. Nach mehreren Tourneen, die finanziell im Desaster endeten, löste Rio die Scherben 1985 auf. Auf Brittas Schicksalskonto lagen noch 19 Jahre.

Nach dem Ende von Carambolage steigt sie bei den Lassie Singers ein, „der ersten deutschen Girlband“. Es gibt Tourneen, es gibt CDs, aber einen Durchbruch gibt es nicht. Und nie genug Geld. Britta geht morgens putzen, nachmittags hilft sie auf einem Kinderbauernhof aus, abends probt sie in einem Keller am Oranienplatz, der nach starkem Regen immer unter Wasser steht. Britta sehnt sich zurück nach Fresenhagen, aber dort wird gerade zur Pilgerstätte umgerüstet. Rio Reiser ist gestorben und auf dem Hof beerdigt worden.

Wie sie war? Ein absolutes Träumerchen war sie. Ohne Zicken und Allüren. Sie wollte immer nur Musik machen.

Die neuartigen Strahlen, die ihr das Leben verlängert hatten, begrenzten es gleichzeitig. Das Herz war geschädigt worden. Auch die Aorta. Britta musste wieder ins Krankenhaus. Diesmal blieb der Frühling aus.

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