Broken-Windows-Theorie : Immer schön sauber bleiben

Wo Zerstörung ist, wird noch mehr zerstört, wo Dreck ist, kommt mehr Dreck dazu. Was tun? Null Toleranz? Aber die Berliner wollen kein autoritäres Ordnungsamt. Einige engagieren sich, andere verwahrlosen lieber. Und die Politik kehrt nur vor ihrer eigenen Tür.

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An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren Bechern umgehen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Henning Onken
27.07.2017 09:09An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren...

Carsten Spalleks Herrschaftsgebiet ist an diesem Nachmittag in mäßig unordentlichem Zustand. Auf dem Weg zum Rathaus Wedding an der Müllerstraße, wo Spallek als Stadtrat für Wirtschaft, Immobilien und das Ordnungsamt sein Büro hat, sieht man: Hundekot in Beeten, ein paar Dosen und Tüten auf den Spielplätzen, das ein oder andere verrottende Möbelstück auf dem Fußweg. Die Besatzung eines Streifenwagens kümmert sich am Rand einer Grünanlage um einen kleinen Trinkertrupp. Zwei weitere Trinker bewegen sich den Gehweg hinab in Richtung Rathaus, sie in Jogginghose und ausgelatschten Turnschuhen, er mit einer Gitarre über der Schulter. „Du musst doch wissen“, sagt er, „ob du dir jetzt wichtig bist oder die anderen.“ – „Manchmal bin ich mir wichtig“, antwortet sie, „manchmal die anderen.“

Suff am Nachmittag, in aller Öffentlichkeit, gehört unbestritten zu den Anzeichen von Niedergang. Verwahrlosung ist: wenn es irgendwo aussieht, als würde sich keiner kümmern. Wenn Dreck herumliegt, obwohl die Leute von der Stadtreinigung ihren Job gemacht haben. Verwahrlosung ist ein anderes Wort für Hundekacke, kaputte Flaschen, Essensreste, Müll auf den Straßen oder auf Spielplätzen. Verwahrlosung verunsichert viele Leute. Und viele ärgern sich über verdreckte Parks oder Spielplätze. Oder über Trinker, die dort herumkrakeelen. Verwahrlosung ist ein Politikum.

Gleisdreieck-Park beschmiert
Der Drang zur Verewigung.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Tsp
25.09.2011 13:19Der Drang zur Verewigung.

Wenn Stadtforscher und Psychologen das Vermüllungsverhalten der Großstädter untersuchen, stellen sie fest, dass die Leute schon Zigarettenkippen und Graffiti als Zeichen von Verwahrlosung ansehen. Kriminalitätsforscher betrachten die Verwahrlosung eines Kiezes als Zeichen einer kriminellen Entwicklung. Das ist, verkürzt, die „Broken Windows“-Theorie: Wo Zerstörung ist und Dreck, wird noch mehr zerstört, kommt Dreck hinzu. Abstrakter gesagt: Wo Verwahrlosung ist, wird Kriminalität hinkommen. Oder jedenfalls unordentliches, regelwidriges Verhalten: Mir scheißegal, was andere denken! Leute beschweren sich beim Ordnungsamt, wenn Radfahrer über den Bürgersteig rasen und Fußgänger gefährden. Regeln werden missachtet, Sitten verfallen.

Die Weddinger Trinkerszene gehört nicht zu Stadtrat Spalleks größten Problemen. Der CDU-Mann ist in Wedding aufgewachsen und herbe Verhältnisse gewöhnt. „Wedding war nie schick und schön“, sagt er. Der Wedding sei früher „schroff und ehrlich“ gewesen. „Das ist nicht mehr so. Der Charakter des Kiezes kippt“, sagt Spallek. Woran man das merkt, wo Verwahrlosung beginnt – darüber kann man streiten. Die Politiker tun es gern. Nicht nur zuständigkeitshalber, sondern auch, weil man am Umgang mit der Verwahrlosung zeigen kann, wie man Gesellschaft versteht und Ordnung und Sicherheit und Regeln. Der Kampf gegen Verwahrlosung ist Gesellschaftspolitik.

Lesen Sie auf Seite 2, an was es dem Ordnungsamt fehlt.

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