Bronzeskulpturen : Marx und Engels machten Platz für die U-Bahn - vor fünf Jahren

Seit den 1980er Jahren standen die Bronzeskulpturen von Karl Marx und Friedrich Engels am Roten Rathaus. Vor fünf Jahren mussten sie nun wegen der Baustelle für die U5 weichen. Was Thomas Loy darüber schrieb.

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September 2010: Arbeiter heben am Mittwochvormittag eine Statue des Philosophen, Soziologen und Ökonomen Karl Marx an. Die Bronzeskulpturen von Marx und Friedrich Engels müssen ihren angestammten Platz auf dem Marx-Engels-Forum in Berlin-Mitte vorübergehend verlassen.Alle Bilder anzeigen
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08.09.2010 14:58September 2010: Arbeiter heben am Mittwochvormittag eine Statue des Philosophen, Soziologen und Ökonomen Karl Marx an. Die...

Erst geht Engels, dann Marx. Die beiden Vordenker des Sozialismus verlassen ihren angestammten Sockel zwischen Spree und Spandauer Straße, um Platz zu machen für die Bauarbeiten der U-Bahnlinie 5. Auf der anderen Spreeseite wächst die Humboldt-Box in die Höhe, und die Temporäre Kunsthalle wird abgebaut. Die alte Berliner Mitte verändert erneut ihr Gesicht.

Vor 60 Jahren, am 7. September 1950, begann die Sprengung des Berliner Stadtschlosses. Eine Barbarei, darin sind sich Schlossgegner und -befürworter einig. Damals entstand die Leere, an der sich bis heute die Gemüter erhitzen. Mit der Verschiebung des Baubeginns für das Humboldt-Forum stehen viele längst geklärte Fragen wieder auf der Tagesordnung.

Etwa die Spendensumme. Die Kosten der barocken Außenfassade soll der Förderverein von Wilhelm von Boddien aufbringen. Das Ziel: 80 Millionen Euro. „Es gibt eine deutliche Verlangsamung des Spendeneingangs seit Juni“, sagt Boddien. „Der psychologische Effekt der Spar-Entscheidung war verheerend.“ Um zweifelnde Geldgeber bei der Stange zu halten, hat der Förderverein ein Sperrkonto eingerichtet. Darin eingezahlte Spendengelder – bislang 120 000 Euro – fließen garantiert zurück, sollte der Bau des Humboldt-Forums nicht zustande kommen. Insgesamt sind bislang 13,5 Millionen Euro an Spenden eingegangen. Boddien ist sich sicher, die 80-Millionen-Marke noch rechtzeitig zu erreichen. „Jeder Spender – bisher sind es rund 12 000 – braucht nur drei Leute zu animieren, dann reicht es.“

Auch bei der Humboldtbox hat die Verschiebung des Baubeginns ins Jahr 2013 das finanzielle Gerüst ins Wanken gebracht. Mit Werbeplakaten an der Box und am Bauzaun sollten die fünf Millionen Euro Baukosten amortisiert werden. Jetzt fehlt ein Großteil der Werbefläche, dennoch ist Bauherr und Megaposter-Chef Gerd Henrich zuversichtlich, eine Lösung zu finden. „Wir sind kurz vor dem Ziel.“

Die Humboldt-Box steht in der Tradition der Infobox am Potsdamer Platz, nur erscheint sie noch gewaltiger und moderner als ihr Vorgänger. Auf 28 Meter soll der asymmetrische Bau wachsen. Drinnen werden sich die künftigen Nutzer präsentieren, also Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Landesbibliothek und Humboldt-Universität. Im Erdgeschoss ist eine Schauwerkstatt für Steinmetze geplant. Henrich rechnet mit der Eröffnung noch in diesem Jahr.

Dann wird die provisorische Container-Infobox des Fördervereins Berliner Schloss verschwinden. Die Aussichtsterrasse wird schon jetzt abgebaut, um den Blick auf die Humboldt-Box nicht zu verstellen.

Die Temporäre Kunsthalle bricht ihren Kubus ebenfalls ab. Eine Nachnutzung des Standortes ist nicht geplant, weil auch hier demnächst an der U 5 gebaut wird. Die Berliner Shakespeare-Company möchte auf dem Schlossareal einen Nachbau des Globe-Theaters aus dem 17. Jahrhundert errichten. Die Idee kam ursprünglich von Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU).

Dafür spricht, dass die Babelsberger Filmstudios gerade ein Globe-Theater im Fundus haben – aus dem Roland-Emmerich-Film „Anonymous“. „Wir würden sofort auf den Schlossplatz gehen“, sagt Company-Sprecher Christian Leonard. Es gebe genügend Sponsoren, die sich für das Projekt begeistern. Allerdings ist der rot-rote Senat nicht dafür zu gewinnen. „Das kommt für uns nicht in Frage“, sagt Mathias Gille, Sprecher von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Die Leere des Ortes solle die Besucher „an das Versprechen der Bundesregierung verweisen“, hier tatsächlich eines Tages zu bauen.

Auch die BVG plant keine Zwischennutzung ihres Baugrunds. Im nächsten Jahr soll auf dem Marx-Engels-Forum die Baulogistik für den Schildvortrieb eingerichtet werden. Das Verrücken von Engels und Marx – jeweils zwei Tonnen schwer – an die Spandauer Straße sei im Vergleich zu den gesamten Bauarbeiten „eine Fingerübung“, sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Auch in Bezug auf die Kosten: Das Weg- und Zurücktragen der Figuren kostet 600 000 Euro. Ob es für Marx und Engels nach sieben Jahren überhaupt ein Zurück geben wird, ist nicht sicher. Einige Politiker wie Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) liebäugeln mit einer Bebauung der östlichen Spreeseite nach historischem Vorbild. Damals begann hier die alte Berliner Bürgerstadt, kleinteilig bebaut, als Gegenpart zum preußischen Residenzschloss.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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