Berlin : Brot, Rosen und Kirchenmusik Palmsonntag im Neuköllner Reuterkiez

Gunda Bartels

Der Frühling fängt dieses Jahr mit der Karwoche an. Der Palmsonntag ist strahlend frisch und das Kopfsteinpflaster der Nansenstraße in Neukölln liegt geputzt im Sonnenlicht. Die in die Häuserzeile eingebaute Kirche der Nikodemus-Gemeinde sieht trotz des 40 Meter hohen Turms nur, wer den Kopf hebt, um den schnatternd vorbeiziehenden Wildgänsen nachzuschauen. Dabei fällt der eindringliche Blick eines Mosaik-Jesus ins Auge, der überm neoklassizistischen Portal des 1913 geweihten Gotteshauses sitzt. Viel „Hosianna!“ und eine Ahnung von „Kreuziget ihn!“ liegt über diesem Sonntag.

In der schlicht ausgestatteten Kirche sticht sofort das blutrote, mit vielen Bildern und Symbolen gestaltete Misereor-Hungertuch ins Auge. Das katholische Hilfswerk hat die mittelalterliche Sitte, den Altar in der Fastenzeit damit zu verhüllen, vor einigen Jahren erfolgreich wiederbelebt. Pfarrer Jörg Dieter Gemkow wünscht sich auch bei Protestanten mehr Mut zu zeremonieller Sinnlichkeit und hat seiner Gemeinde das Hungertuch nahe gebracht. Der Titel „Brot und Rosen – Unser tägliches Brot gib uns. Heute“ bestimmt seinen Gottesdienst. Gestaltet wurde es von Lateinamerikanerinnen, die als Drogenkuriere in Frankfurt im Knast sitzen. Das geteilte Brot steht für die Solidarität zwischen reichen und armen Ländern und die Rosen für Jesu’ hingebungsvolle Liebe. „Wer nicht teilen will, tötet schon jetzt millionenfach“, sagt Pfarrer Gemkow angesichts der 830 Millionen Menschen, die weltweit Hunger leiden. Auch in Deutschland ist der Umbruch spürbar. „Der Wohlstandsabbau beginnt gerade erst.“ Helfen kann der Glaube an den solidarischen Gott und die Verantwortung der Menschen füreinander.

An der Orgel und am Piano sitzt Winfried Radeke. Der Kirchenmusiker ist im profanen Leben Gründer und künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper. Für den Nikodemus-Psalter, der hier das übliche Gesangbuch ersetzt, hat er Lieder mit einem Hauch Dreigroschenoper komponiert. Er und Pfarrer Gemkow, als Thomaner ein ausgebildeter Sänger, sorgen mit regelmäßigen Konzerten dafür, dass die Musik sich in diesem lichten Kirchenraum zu Hause fühlt. Musik schafft Gemeinschaft in der Nikodemus-Gemeinde, die es gerade noch auf 3800 Seelen bringt. Die Kundschaft für Gottes Wort ist klein geworden im Reuterkiez, der eigentlich jeden Trost brauchen kann. 25 von ihnen sind gekommen und erleben in Hungertuch-Predigt und Liedern glasklare Worte: Mit allen teilen ist Christi Gebot zur Karwoche.

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