Berlin : Brot und Spiele für Polit-Junkies

NAME

Von Elisabeth Binder

Auch nach dem dritten Glas Wein kann man davor die Augen nicht mehr verschließen. Der Wahlkampf hat begonnen. In dieser Saison zum ersten Mal auch live zu besichtigen beim Berliner Feten-Marathon. In der letzten Sitzungswoche vor der Sommerpause ächzen die Protagonisten aus Politik, Wirtschaft, Medien und Glamourwelt unter ihren Einladungsstapeln. Focus-Fest oder Evita-Premiere lautete die Frage am Mittwoch, 50 Jahre Presseclub, 40 Jahre Capital oder New Faces Award am Donnerstag, und am heutigen Freitag werden die Abendkleider wahlweise für den Filmpreis oder die Queen-Party geglättet, bevor es am Samstag zur Premiere der Brandenburgischen Sommerkonzerte geht. Die Welt der Politik kommt zum Feiern allerdings am liebsten Dienstag und Mittwoch zusammen, diesmal ganz ökonomisch unter der Regie von Media Event im Garten des Staatsratsgebäudes. So viele einander überlappende Termine laden zu Synergieeffekten ein, und das erfolgreiche Burda-Magazin und der Bundesverband der Industrie beißen sich ja nicht geradezu. Das Zirkuszelt von Sarrasani, war am Dienstagabend, blau ausgeleuchtet, Schauplatz der Spanischen Nacht des BDI und am Mittwochabend mit dramatischen Hängelampen und Lichtkugeln elegant in warmem Focusrot illuminiert.

Das Rot durfte einen aber nicht über die Zusammensetzung der 1700 Gäste hinwegtäuschen. Dunkelrot gab’s gar nicht, da sind die Bayern konsequent. Die PDS war diesmal nicht geladen. Der Bundesgeschäftsführer der PDS, Dietmar Bartsch, der im letzten und im vorletzten Jahr bei Focus noch dabei sein durfte, hatte diesmal offenbar aus Versehen eine Einladung erhalten, war auch besten Willens hinzugehen, bis man ihn über seine Sekretärin wissen ließ, dass der Chef persönlich der Ansicht sei, dass er dort nichts zu suchen habe. Einen Moment lang überlegte er noch, doch hinzugehen, schon um zu zeigen, „dass ich unbewaffnet bin und ohne Messer komme.“ Getröstet hat er sich dann lieber mit der Capital-Einladung gestern Abend: „Das Kapital weiß eben, wie man mit Kommunisten umgeht.“

Auch die SPD, sonst in Gestalt des Kanzlers und vieler Minister auf den berühmt barocken Focusfesten immer sehr präsent, machte sich rar. „Der Kanzler kommt auf Zuruf“, hieß es anfangs noch, aber am Ende ließ er diese Chance, im Auswärtsspiel an der bayerischen Schickeria-Front Wahlkampf zu machen, aus. Rudolf Scharping immerhin stellte einmal mehr unter Beweis, wie wasserfest er ist und Herta Däubler-Gmelin schaute auch kurz vorbei. Das BDI-Grün des Vorabends wurde durch Öko-Grün nur spärlich ersetzt, zum Beispiel in Gestalt von Jürgen Trittin. Wurde die Korruptionsresistenz der Politiker beim vorletzten Mal noch mit einem teuren Palm-Computer als Abschiedsgeschenk auf die Probe gestellt, gab’s diesmal nur eine Maus dazu.

Der Honoratiorentisch, ratschlüssig unter der Zirkuskuppel angerichtet, war einigermaßen eindeutig besetzt. Die Gastgeber Hubert Burda und Focus-Chefredakteur Helmut Markwort, Ex-Kanzler Helmut Kohl, der zu den Trapezkünstlern hochblinzelt, während Edmund Stoiber wie der vorbildliche Cousin, der stolz ist auf seine Wohlerzogenheit, eifrig auf ihn einredet, außerdem Guido Westerwelle, der irgendwie starr blickt, wie rausgefallen aus der Spaßgesellschaft und zu hart aufgeschlagen, und Angela Merkel mit einem angenehm ehrlichen, ganz leicht genervten Gesichtsausdruck. Ein Kamerakessel gewitterte ringsum; jetzt ist Zusammenhalt angesagt.

Wahlkampf auch auf dem Party-Parkett? Da bietet Berlin einiges an Möglichkeiten. Brot und Spiele für Polit-Junkies haben dem Adrenalinspiegel gerade noch gefehlt. Die deutsche Post, die beim BDI noch als Sponsor im Hintergrund blieb, indem sie sich aufs Einladungen verschicken beschränkte, trat beim Focus-Fest auch äußerlich in Erscheinung. Einerseits gab es einen Stand, andererseits Hostessen, die Wahlzettel verteilen. Spielwahlen könnten ohne weiteres zum Renner der Spätsommerfeste werden. Noch besser als die anderen angebotenen Belustigungen wie Tischfußball, Shiatsu-Massage, Torschießen oder Schnuppergolf. Hier war das Ergebnis übrigens so klar wie die Einladungspolitik: CDU 44,64 Prozent, FDP 22,92, SPD 18,02, Grüne 11,61.

Bedauert da jemand, dass es für Deutschland keine Gästeliste gibt?

0 Kommentare

Neuester Kommentar