Berlin : Bruchgefahr: Europa-Center verliert sein Gesicht

Cay Dobberke

Nachdem in diesem Jahr zwei Mal Glasscheiben vom 22-stöckigen Bürohochhaus des Europa-Centers herabgestürzt waren, werden jetzt alle 1100 Brüstungselemente ausgetauscht. Ein Gutachter hat einen Materialfehler als Ursache der Glasbrüche im Mai und Juli festgestellt. In beiden Fällen waren gläserne Brüstungselemente aus großer Höhe gefallen. Passanten kamen glücklicherweise nicht zu Schaden. Nun werden die Fassadenteile durch Aluminiumbleche ersetzt. An der Südostseite des Gebäudes haben die Arbeiten bereits begonnen, sie sollen mehrere Wochen lang dauern.

In den 1,60 mal 2,60 Meter großen Fassadenteilen seien "kristalline Einschlüsse aus Nickelsulfid" gefunden worden, welche die Oberflächenspannung des Glases beeinträchtigt hätten, gab der Charlottenburg-Wilmersdorfer Baustadtrat Alexander Straßmeir (CDU) bekannt. Experten vermuten, dass dem österreichischen Hersteller beim so genannten Anblasen des Glases der Fehler unterlief. Tommy Erbe von der Werbegemeinschaft Europa-Center sagte, über die Verantwortung für die Schäden werde gerade verhandelt. Entgegen früheren Angaben handelt es sich nicht um Original-Glaselemente aus der Entstehungszeit des Europa-Centers in den 60er Jahren. Vielmehr wurden bei der kompletten Modernisierung des Bürohochhauses im vorigen Jahr originalgetreue Ersatzteile eingebaut.

Die Aluminiumbleche werden laut Erbe blau-grau lackiert und dürften optisch nicht von den Glasscheiben zu unterscheiden sein. Diese Lösung sei auch mit der unteren Denkmalschutzbehörde im Bezirk abgestimmt.

Nach dem zweiten Glassturz waren Passanten einige Tage lang mit einem Fußgängertunnel auf dem Gehweg vor möglichen neuen Unfällen geschützt worden. Während der jetzt laufenden Arbeiten sei ein solcher Schutz aber nicht nötig, sagte Tommy Erbe. Fahrkörbe, die normalerweise für die Fassaden-Reinigung benutzt werden, dienen nun zum Austausch der Scheiben. Es geht dabei nicht um die Fenster des Centers, die bisher intakt geblieben sind.

Bis zur Fertigstellung des Gutachtens hatten Experten verschiedene andere Ursachen für die Zwischenfälle vermutet - darunter eine falsche Montage des Glases, Schäden durch Vögel oder Schüsse aus einem Luftgewehr.

Durch herabstürzendes Glas ist auch das Kaufhaus Galeries Lafayette an der Friedrichstraße in Mitte wiederholt in die Schlagzeilen geraten. Dort sollen die Probleme aber mittlerweile gelöst sein. Zwischen 1998 und 1999 hatten sich mindestens sechs zentnerschwere Glasscheiben gelöst, die auf dem Bürgersteig zerschellten. Auch dort wurden Verunreinigungen im Sicherheitsglas als Ursache ermittelt. Zeitweilig schützten Netze an der Fassade die Passanten vor weiteren Gefahren. Schließlich ließ der Eigentümer des Gebäudes, die Firma Euro-Projektentwicklung, alle 1800 Scheiben an der Kaufhaus-Fassade durch neue ersetzen. Obwohl einer der Glasstürze mitten im weihnachtlichen Einkaufstrubel geschehen war, hatte es auch in der Friedrichstraße keine Verletzten gegeben.

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