Berlin : Brücken nach New York

Nach den Anschlägen vom 11. September entstanden in Berlin zahlreiche Hilfsinitiativen

Elisabeth Binder

Die ersten Reaktionen waren überwältigend: 200 000 Menschen sammelten sich drei Tage nach den Anschlägen zu einer Solidaritätskundgebung vor dem Brandenburger Tor. Alle im Bundestag vertretenen Parteien hatten dazu aufgerufen. Die Rede hielt der damalige Bundespräsident Johannes Rau. Noch Wochen danach stapelten sich vor der Barriere zur Botschaft Blumen, Kerzen, Kränze und Briefe. In der Not zeigte sich die Tiefe und das Ausmaß der freundschaftlichen Gefühle, die die Berliner für Amerika hegen. Der damalige US-Botschafter Dan Coats, der am 11. September gerade mal vier Tage in der Stadt war und noch nicht mal sein Akkreditierungsschreiben beim Bundespräsidenten abgegeben hatte, zeigte sich überwältigt.

Eineinhalb Jahre später schlug ihm während des Irak-Kriegs und der „Eiszeit“ zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung von Politikern und Demonstranten auch offene Ablehnung entgegen. Im Februar 2003 marschierten 500 000 Demonstranten gegen den drohenden Krieg zur Siegessäule. Oscar-Preisträger Dustin Hoffman nutzte Berlin als Plattform für eine weltweit beachtete Friedensrede.

Unabhängig davon entstanden im Zuge der Anschläge eine Reihe von Initiativen, die bis heute nachwirken. Bei der Berliner Feuerwehr etwa gab es spontan den Gedanken, dass man nicht nur finanziell helfen wollte, sondern auch auf einer menschlichen Ebene. So entstand die Feuerwehr-Brücke Berlin-New York: Zunächst kamen 27 Witwen und Halbwaisen von Opfern zu Besuch nach Berlin, danach kamen 50 Feuerwehrleute, die am 11. September im Einsatz gewesen waren, verbrachten eine Woche in Berlin und eine weitere Woche im übrigen Bundesgebiet.

Dort fand die Aktion zahlreiche Nachahmer, erzählt Projektleiterin Sabina Kaczmarek von der Berliner Feuerwehr. In den folgenden Jahren half man bei der Organisation von Reisen der New Yorker zum Beispiel nach Bayern. Dabei entstanden so enge Verbindungen, dass einige Feuerwehrmänner auf eigene Kosten aus den USA angereist kamen, um an der Gedenkfeier nach dem Unglück der eingestürzten Eissporthalle teilzunehmen.

Am Sonntag nahmen zwei Familien und Helfer aus New York an einer Gedenkfeier am Feuerwehr-Ehrenhain in Cottbus teil, bei der auch US-Botschafter William Timken und der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm sprachen. Dort hatten im Sommer 2002 Gäste aus der ersten Feuerwehr-Brücke fünfzig amerikanische Roteichen gepflanzt, die seither von 100 Kindern und Jugendlichen gepflegt werden, die zur dortigen Jugendfeuerwehr gehören.

Auch die Checkpoint-Charlie-Stiftung, gegründet 1994 nach dem Abzug der Alliierten, hat eine nachhaltige Aktion gestartet. Ein Jahr lang wurden Spenden gesammelt, um den Kindern von getöteten oder arbeitsunfähig gewordenen Opfern ein Studium zu ermöglichen. Eine gute Million DM kam damals zusammen und wurde als Fonds angelegt. Zurzeit bezahlt die Stiftung die Studiengebühren für zwei Kinder berufsunfähiger New Yorker Feuerwehrleute. Das Programm sei auf 25 Jahre angelegt, sagt die Geschäftsführerin der Checkpoint-Charlie-Stiftung, Andrea Mehrländer.

Die Folgen des Irak-Krieges und der damit verbundenen Verstimmungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis bekam sie zu spüren, als sie letztes Jahr eine Sammlung für die Opfer des Hurrikans startete, der New Orleans verwüstet hatte. Von den gerade mal tausend Dollar, die zusammenkamen, wurden zwei Familien unterstützt. Dennoch habe es durch den Irak-Krieg keinen Antiamerikanismus gegeben, der dem zu Zeiten des Vietnam-Kriegs vergleichbar wäre. Inzwischen werde sorgfältiger differenziert: „Viele können nichts für ihren Präsidenten“, heiße es unter Amerika-Freunden, die gleichwohl die Politik der Bush-Regierung ablehnten, hat Mehrländer beobachtet.

Zu Ende gegangen ist eines der größten Projekte, das vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder bei seinem ersten New-York-Besuch nach den Anschlägen initiiert wurde. Da hatte er spontan 1000 Jugendliche nach Deutschland eingeladen. Viele große Unternehmen, vor allem Daimler-Chrysler, unterstützten „The Bridge New York-Berlin“. Die letzte Gruppe kam Ostern vor zwei Jahren, lebenslustige Teenager, von denen manche zuerst ein bisschen Angst hatten, in dieses fremde Deutschland zu reisen und dann über Osterfeuer, Barbecues und Eiersuche staunten.

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