Berlin : Brückenbau am Hochtrapez

Beim Festival „Junger Circus Europa“ treffen sich Akrobaten aus zehn Ländern

Nicole Diekmann

„Bleib so!", ruft Antonia und schwingt sich herunter zu Verena. Die hängt zwei Meter über einer dicken Turnmatte kopfüber am Trapez, die Beine zum Spagat gespreizt. Die 19-jährige Antonia klemmt sich die obere Stange in vier Metern Höhe zwischen die Kniekehlen und lässt ihren Körper langsam nach hinten gleiten. Nun hängen sie und Verena (16) synchron unter dem blauen Zirkusdach.

Fünf Jahre Training machen sich eben bemerkbar. So lange gehören die beiden Schülerinnen schon zum Berliner „Circus Cabuwazi", der seit Sonnabend das einwöchige Festival „Junger Circus Europa" veranstaltet. Mehr als 100 Jugendliche aus zehn Ländern wohnen seitdem in einem Gymnasium in der Bouchéstraße in Treptow und treffen sich jeden Tag in den beiden Zirkuszelten auf dem Platz gleich neben der Schule. Von neun Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags trainieren Deutsche, Russen, Esten, Engländer, Franzosen, Finnen, Litauer, Polen, Palästinenser, Israelis und Schweden dann klassische Zirkusdisziplinen wie Trapezkunst, Jonglage, Einradfahren und Modernes wie Breakdance. An manchen Abenden treten sie an einem der vier Standorte, die der Zirkus in Berlin besitzt, auf.

Einer der Trainer ist der 23-jährige Islam aus Nablus in Palästina. Der Informatikstudent leitet einen Workshop für Dabhka. Das ist eine Art orientalischer Tanz, gepaart mir Akrobatik. Seine Schüler sind vier Deutsche, und allein deshalb habe sich die Reise gelohnt, sagt Islam: „Natürlich geht es beim Festival auch ums Lernen. Aber das Besondere ist, hier Menschen aus anderen Ländern zu treffen."

Die Zusammenarbeit junger Menschen aus unterschiedlichen Ländern sei neben der Präsentation möglichst vieler Kinderzirkusse das Hauptziel des einwöchigen Treffens, erzählt Karl Köckenberg, Gründer und Vorstand von „Circus Cabuwazi". Die Abkürzung steht zwar für „Chaotischer bunter Wanderzirkus", doch die Organisation des internationalen Festivals, das bereits zum fünften Mal stattfindet, ist alles andere als wirr. Anders ginge das bei so vielen Leuten und unterschiedlichen Nationen gar nicht, sagt Köckenberg. Das fange schon beim Essen an: Gerade sei Ramadan, die muslimischen Teilnehmer essen vor Sonnenuntergang also nichts und müssten dann etwas zu essen bekommen. Und am Donnerstag sei Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, darauf müsste man auch Rücksicht nehmen. Köckenberg ist die Arbeit mit jungen Leuten unterschiedlicher Herkunft gewohnt: Was vor elf Jahren in seinem Hinterhof als Einradzirkus mit seinen eigenen und den Nachbarskindern begann, ist mittlerweile ein stadtumspannender, professioneller Betrieb: „Circus Cabuwazi" beschäftigt in seinen vier „Filialen" in Treptow, Kreuzberg, Alt-Glienicke und Marzahn festangestellte und freiberufliche Trainer, Pädagogen und ausgebildete Artisten. Sie unterrichten 650 regelmäßig trainierende Kinder und Jugendliche. Noch einmal so viele, schätzt Köckenberg, kommen sporadisch zum freien Training dazu. Finanziert wird das Ganze von öffentlichen Trägern, Spenden und einem Förderkreis.

Verena und Antonia treffen sich dreimal pro Woche in Kreuzberg, um am Partnertrapez zu üben. Verena kommt extra aus Zehlendorf, und doch sei es nur ein Hobby: „Ich bin nicht gut genug, um beruflich als Artistin zu arbeiten", meint sie. Die beiden Estinnen zum Beispiel, mit denen sie und Antonia während des Festivals von einer finnischen Trainerin unterrichtet werden, seien gelenkiger als sie. „Aber die neuen Figuren und Tricks, die wir lernen, bringen uns weiter. Und wir verstehen uns gut."

Karten für eine Vorstellung im „Cabuwazi"-Zirkuszelt in Alt-Glienicke am heutigen Mittwochabend können unter der Telefonnunmer 672 05 82 bestellt werden.

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