Berlin : Brunch für George

Am Sonntag war George Washingtons 272. Geburtstag. Zur Party kam viel Kulturprominenz – auch Simon Rattle

Elisabeth Binder

Berlin von außen ist oft Rummel, greller Glamour, Massenpanik, als Party getarnt. Um das kultivierte Herz der Stadt zu erkennen, muss man mehr in Ruhe suchen, zu einer Zeit, da viele noch schlafen. Zum Beispiel begibt man sich an einem ganz und gar unspektakulären Sonntagmorgen zu einem jedenfalls von außen recht unspektakulären Haus in Wilmersdorf. Der Fahrstuhl hat die in Altbauten noch übliche hoch komplizierte Verriegelungstechnik, aber Aaron, der charmante Sohn des Hauses, hilft glücklicherweise mit technischen Erklärungen weiter. Der Brunch findet im dritten Stock statt. Eigentlich ist es eine Geburtstagsfeier, das sieht man an den blauweißroten Dekorationen. George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, wäre an diesem Sonntag 272 Jahre alt geworden. Vermutlich hätte ihm die Party zu seinen Ehren gefallen, nicht nur wegen der patriotischen Dekorationen.

Auf dem Sofa sitzt der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz; sein Schwiegersohn, Gary Smith, Leiter der American Academy, steht in der Mitte des Raumes und macht seine Stipendiaten mit jenen Größen der Stadt bekannt, die sie seiner Meinung nach kennen sollten: mit Sir Simon Rattle zum Beispiel. Dessen makelloser britischer Akzent passt zwar nicht ganz zum Anlass, aber das überspielt er mit Charme.

Neben dem Bücherregal steht seine Frau, Candace Allan, und erzählt von der Wohnungssuche. Noch teilt sie sich ihre Zeit zwischen verschiedenen Städten auf, aber die Verluste, die das bedeutet, tun ihr weh. Mit 46 Jahren hat sie ihre Berufung zum Schreiben entdeckt. Hat gerade aus ihrem Erstlingswerk in der Academy gelesen. Männer haben es einfacher, ganz auf ein Ziel hin konzentriert zu leben, glaubt sie. Frauen müssen so viel mehr im Blick behalten. Sie breitet halb die Arme aus: sich um die Familie kümmern, um Haus und Lebensmittel. Beim zweiten Buch wird es einfacher, hofft sie. Denn nun weiß sie, dass man mit einem solchen Projekt tatsächlich fertig werden kann.

Für Michael W. Blumenthal gehört es zu den schönsten Gefühlen überhaupt, ein Buch fertig gestellt zu haben. Das Schreiben ist dem ehemaligen US-Finanzminister und Direktor des Jüdischen Museums nicht in die Wiege gelegt worden. Sein ganzes Leben hat er sich mit anderen Dingen befasst, aber schon länger geplant, den Herbst damit zu verbringen, Sachbücher zu schreiben. Nun interviewt er Elizabeth McCracken, die den Aufenthalt an der Academy nutzt, um für ihren vierten Roman Berlin zu inhalieren, ein Gefühl für deutsches Denken und Fühlen zu entwickeln, wie sie das mit dem Schreiben hält. Er selbst beginnt den Tag mit einer Stunde Zeitungslektüre. Selbstdisziplin beim Schreiben, zu dem Thema können an diesem Morgen viele Gäste etwas beitragen. Bei Sachbüchern geht es ja noch, aber kann man Kreativität beim Verfassen von Romanen erzwingen? Elizabeth McCracken glaubt, dass die Regelmäßigkeit hilft. Und natürlich Ruhe. Nach dem Stipendium wird sie nach Iowa gehen, dort mangelt es daran nicht. „Ein einsamer Job“, sagt Blumenthal.

Reynold Reynolds, der Videokünstler, verbringt sein Stipendium nicht in der ruhigen Academy, sondern im trubeligen Kreuzberg, um das Motiv der Sinfonie einer Großstadt neu zu entwickeln. Jemand spricht ihn auf sein letztes Projekt an: Menschen, die in einem brennenden Haus sitzen und sich um die Flammen nicht scheren. Metaphern für die große Gleichgültigkeit, die in urbanen Familienzusammenhängen oft zu beobachten ist und im emotionalen Frost endet.

An diesem Vormittag ist es gemütlich warm. Die Kinder begutachten unter Aarons Führung schon mal den Kuchen, den es zum Nachtisch gibt. Ja doch, er ist ganz korrekt zum Anlass geschmückt: mit blauen, weißen und roten Zuckergussblumen.

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