Brunnenviertel : Schick in Wedding - Kreative füllen die Lücken

Kreative füllen Lücken, die das Ladensterben in der Brunnenstraße hinterließ. Sie verkaufen Design oder drehen Handyfilme mit den Kids aus dem Kiez.

Grit Thönnissen
wedding mode
Lisa Müllers Laden "RGB" ist gerade in Rot dekoriert. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Lina Müller fegt ihren ganz in rot gehaltenen Laden. „Mit Laufkundschaft habe ich nicht gerechnet“, sagt die 27-Jährige. Es kommt auch keine. Dabei wäre der Laden „RGB“ einen Ausflug wert: Jeden Monat nehmen sich Lina Müller und ihre Kollegin Anne Meister zwei Tage Zeit, um die Bar neu zu lackieren, Ware zu drapieren und zusammen mit anderen Designern den Laden komplett umzudekorieren. Verkauft wird alles, was farblich passt, im Moment Topflappen, Sterne aus Filz, Kirschen als Anhänger, Himbeerlimonade, Kleidung und Möbel.

„Wir haben Dinge von zwei bis 1500 Euro, eigentlich ist für jeden etwas dabei“, sagt Lina Müller. Aber der Laden liegt nun mal in der Brunnenstraße – nicht am schicken Ende in Mitte, sondern am öden in Wedding. Von selbst ist noch kein Designer auf die Idee gekommen, hier einen Laden zu eröffnen. Es ist die Wohnungsbaugesellschaft Degewo, die mit ihrem Wettbewerb „Create your own Wedding Space“ versucht, Lücken zu füllen. In den Sozialwohnungsbauten aus den siebziger Jahren reiht sich Ladenfläche an Ladenfläche: Große Schaufenster, hinter denen wohl mal Fleischer, Bäcker und Schuster unterkommen sollten – doch die gibt es hier nicht mehr.

Seit mehr als drei Jahren läuft das Projekt „Weddingdress“. Mode-, Grafik-, Web- und Produktdesigner und Architekten, eben alles, was sich unter dem Begriff „Kreativwirtschaft“ versammeln lässt, wurden Anfang des Jahres aufgefordert, sich für eine Ladenfläche zu bewerben. Die Teilnehmer mit den besten Ideen und Konzepten bekommen die Räume bis zum Ende des Jahres mietfrei und Geld zum Gestalten dazu.

Lina Müller und Anne Meister haben den dritten Preis im gewonnen, doch die Leute aus der Nachbarschaft kommen nicht zu ihnen. Immer, wenn die beiden abends zu einer Veranstaltung einladen, fährt irgendwann die Polizei vor. Mal ist die Musik zu laut, mal wird draußen zu viel geraucht. Erst ein Bastelkurs für die Kinder aus der Nachbarschaft half: „Da wurden wir von einigen Familien zum ersten Mal gegrüßt.“ Bis Dezember werden sie bleiben, für die beiden jungen Frauen ist es ein Abenteuer. Lina möchte danach als Architektin arbeiten, Anne studiert Umwelttechnik.

Auch wenn Stefie Steden und Petra Girsch keine Waren für den alltäglichen Gebrauch anbieten, sind sie mit ihrem gemeinnützigen Verein „Kulturgymnastik“ am nächsten an den Bewohnern dran. Sie arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Zum Beispiel machen sie Handyfilme. „Jeder Jugendliche hat so ein Ding in der Hand, und wir wollen zeigen dass Handys keine bösen Werkzeuge sind“, sagt Stefie Steden. Das Projekt ist der Gegenentwurf zum „Happy Slapping“ – so heißt das, wenn Jugendliche mit ihrem Handy filmen, wie jemand verprügelt wird.

Sie arbeiten mit Schülern dies und jenseits der ehemaligen Grenze zusammen, heute wird das Projekt „Mein Leben am Mauerstreifen“ vorgestellt. Kinder interviewten Zeitzeugen und machten einen Dokumentarfilm. Dass die Degewo „Kulturgymnastik“ zum Sieger des Wettbewerbs kürte, passt, denn die haben längerfristige Pläne: „Es macht Sinn, dass es hier nicht nur Mode gibt. Unser Projekt ist hier verwurzelt.“ Ihre Vision ist eine Jugendkunstschule im Wedding.

Am besten wird wohl Moeko Ishida mit ihren verzierten Mobiltelefonen bei den jungen Bewohnern des Brunnenviertels ankommen. In ihrem Laden „Deco Loco“ kann man sein Handy mit Glitzersteinen aufhübschen lassen, dazu gibt es blinkende Handyanhänger und Hello- Kitty-Aufkleber. Eigentlich ist die Japanerin Maskenbildnerin, die auch Nageldesign gelernt hat. Aber noch ein Nagelstudio aufzumachen, war ihr zu langweilig. In Japan gibt es das Handytuning schon flächendeckend, in Berlin ist Moeko Ishida noch eine Pionierin. Ein Handy mit niedlichen Glitzermotiven – das kann man wahlweise total cool oder hoch ironisch finden. Kommt drauf an, ob man aus Mitte oder Wedding kommt.

RGB Brunnenstraße 65, Deco Loco Brunnenstraße 63, Kulturgymnastik, Stralsunder Straße 61. Mehr Informationen im Internet unter: www.weddingdress2.de

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