Berlin : Bruno Peters, geb. 1911

Ursula Engel

Am 23. Februar 1950 entblößte Bruno Peters seine Brust. Es war der letzte rituelle Akt, um bei den Freimaurern aufgenommen zu werden. Da war er fast vierzig Jahre alt. Die Sehnsucht nach einem Ort, der einer von verlorenen Kriegen, Diktatur und persönlichen Schicksalsschlägen angekratzten Männlichkeit Zuflucht bot, war groß. "Vater hat zu Hause nie über seine Kriegserlebnisse erzählt", sagt seine Tochter. Vielleicht habe die Loge auch dafür Raum geboten. Sie hieß "Zu den alten Pflichten".

Die Loge war kein dubioser, verschwörerischer Geheimbund, sondern ein humanistischer Verein, in dem man Friedensliebe und Staatstreue voraussetzte. Vor allem sollten die Logenbrüder an ihrem persönlichen Handeln gemessen werden. Bruno Peters fand in diesem Kreis ein zweites, vielleicht sein eigentliches Zuhause.

Unter den Freimaurern war er bald hoch geschätzt. Scharfsinnig sei er in den Diskusionen um Ethik und Moral gewesen, immer hellwach, bereit zur geistigen Auseinandersetzung. "Er gehörte auch zu denjenigen, die sich dafür einsetzten, dass sich die Loge nach außen öffnet", sagt sein Mitbruder Sepp Dequin. Den Internetauftritt der Loge und die Einführung eines Tages der offenen Tür habe er gefördert.

Bruno Peters war groß und schlank und trug die vollen silbernen Haare von einem Scheitel geteilt, der aussah, als habe man ihn mit dem Lineal gezogen. Ohne Jackett und Krawatte ging Peters nicht auf die Straße. "Pullover", sagt seine Tochter, "waren verpönt." Bis kurz vor seinem Tod machte er an jeden Morgen gymnastische Übungen. Noch mit 90 Jahren war seine Haltung kerzengerade, sein Blick hellwach. Disziplin war für ihn nicht nur Prinzip, sondern auch die Möglichkeit, persönliche Krisen zu überstehen. Die Bedeutung von Kleidung, Stil und Haltung werde heutzutage sehr unterschätzt, fand er. Wenn sich die Logenbrüder wöchentlich in der Emser Straße trafen, nahm der feinsinnige Herr von Zeit zu Zeit sein silbernes Etui vom Tisch, zog einen schmalen Zigarillo hervor und rauchte in vollendeter Körperhaltung.

Während Bruno Peters sich unter Freimaurern mit seinem Buch "Die Geschichte der Freimaurerei im Deutschen Reich" einen Namen machte, Studienreisen zu Logen anderer Länder unternahm und in Archiven arbeitete, bekam die Familie von seinen Aktivitäten kaum etwas mit.

Mit seiner Tochter sprach Peters nie über seine Leidenschaft. "Ich wusste nicht viel mehr, als dass es wöchentliche Treffen gibt", sagt sie. Auf den Alltag der Familie hatte die Freimaurerei allerdings auch keinen großen Einfluss. Die Mutter blieb sogar in der Kirche. "Darüber gab es bei uns zu Hause manchmal Meinungsverschiedenheiten", erzählt die Tochter, "aber Mutter hat sich durchgesetzt. Mein Bruder und ich wurden evangelisch getauft und später auch konfirmiert." In der Erziehung waren sich die Eltern trotz der weltanschaulichen Differenzen einig. An ihrem Handeln konnte man die Christin nicht vom Freimaurer unterscheiden. Die Mutter kümmerte sich um andere Menschen aus christlicher Motivation, der Vater, weil es zu den freimaurerischen Prinzipien gehört, das eigene Handeln an den humanistischen Idealen zu messen. Bruno Peters machte Krankenhausdienste, half bei Versicherungsangelegenheiten und las noch mit 88 Jahren im Blindenheim vor. Dass man in Notlagen den Logenbrüdern half, verstand sich von selbst.

Wenn die Familie Hilfe brauchte, waren die Brüder der Loge da. 1981, nach dem Tod seiner Frau, machte Peters sich große Sorgen um die Zukunft seines behinderten Sohnes. "Einer aus der Loge half meinem Bruder damals, eine Lehrstelle zu finden", sagt die Tochter. In den letzen beiden Jahren wurde die Hilfe der Logenbrüder für Bruno Peters immer wichtiger. Als er ins Krankenhaus musste, waren sie behilflich, und sie machten auch das richtige Seniorenheim für ihn ausfindig. Zu den Logentreffen holten sie ihn ab, und im Heim besuchten sie ihn regelmäßig.

Dennoch zog Bruno Peters sich immer mehr zurück. Ihm fehlten die eigenen Wände, immer öfter wirkte er verbittert. Er konnte es nicht ertragen, schwach zu sein, wollte nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Sein Wille jedoch blieb ungebrochen. Wie stark dieser Wille war, hat selbst die Freunde verwundert. Als Bruno Peters merkte, dass sein Weg immer mehr in die Abhängigkeit führte, fasste er seinen Entschluss. "Ich will nicht mehr weiterleben", sagte er kurz nach seinem neunzigsten Geburtstag. Dann hörte er auf zu essen.

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