Berlin : Bruno Preisendörfer über die Pflichten der Literaturkritik

Die Absicht dieses Artikels ist es, eine Diskussion in Gang zu bringen über den Wert, den die Aufgabe eines Rezensenten hat - für den Schriftsteller, für das Publikum, für den Rezensenten selbst und für die Literatur - Himmel, den Teufel werde ich tun; bloß nicht darüber reden. Was soll ein Rezensent schon für Aufgaben haben? Die Schriftsteller schreiben, die Leser lesen, die Bäcker backen, die Fleischer - äh - zerfleischen, die Rezensenten rezensieren.

"Der Leser will vom Rezensenten wissen", schreibt Vriginia Woolf, von der auch mein "opener" stammt, "ob ein Gedicht oder ein Roman gut oder schlecht ist, damit er entscheiden kann, ob er es kaufen soll oder nicht." Diese Marktbeschreibung traf - vielleicht - im 18. Jahrhundert zu. Aber schon zu Woolfs Zeiten war auch dem professionellen Kritiker der souveräne Blick über den Markt gar nicht mehr möglich. Es gibt Leute, die Bücher schreiben; es gibt Leute, die Bücher lesen; und es gibt Leute, die über Bücher schreiben, die sie (im günstigsten, aber keineswegs immer gegebenen Fall) gelesen haben. Das ist alles. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Und eben deshalb kann man sich stundenlang über Fragen wie diese unterhalten: Soll der Kritiker ein handwerklicher Berater des Schriftstellers sein oder ein Clown für das Publikum oder ein ästhetischer Werteverwalter oder ein konsumistischer Vorkoster? Alles kann, nix muss. Wenn am Freitag um 20 Uhr Elisabeth Bronfen im Literaturforum über Virginia Woolf spricht, geht es freilich um ein ganz anderes Thema, nicht um den kritischen Bogen zwischen Schriftstellern und Publikum, sondern um den "zwischen Lebensfreude und Todessehnsucht".

Kennzeichen ndl, "Neue deutsche Literatur", aber kleingeschrieben, dann ist es eine Zeitschrift, aus der heute Abend gelesen wird, um 20 Uhr 30, in Juliettes Literatursalon (Gormannstr. 15). In der neuen Ausgabe unter anderem: "Warum das Erinnern an die Verbrechen der Wehrmacht so schwerfällt" - mit Verlaub, die Prämisse ist falsch. "Das Erinnern an die Verbrechen der Wehrmacht" fällt überhaupt nicht mehr schwer, sondern hat ganz im Gegenteil kulturindustrielle Hochkonjunktur. Der "willige Vollstrecker" ist so sprichwörtlich geworden wie einst die "Banalität des Bösen". Aber zurück zur ndl: darin steht auch ein "Plädoyer für Möhrenkuchen", was viel, viel schwerer ist als das Erinnern an die ... - aber lassen wir das.

Man kann die schmale Brücke der Kunst nicht überqueren, wenn man mit ihrem gesamten Instrumentarium beladen ist. Aber vielleicht führt die "schmale Brücke der Kunst" ja selbst ins Nichts. Gott ist tot, die Geschichte vorbei, das abendländische Wertesystem zerbrochen, die Kunst am Ende - Schluß, aus, finito. Derlei Diagnosen klingen wie Türenschlagen nach beziehungsknatsch. Und dann beginnen die Versöhnungsrituale. Und alles fängt von vorne an. Und dann kommt es zur nächsten Krise. Und immer so weiter. Wirklich? "Am Ende Kunst" heißt ein Kolloquium in der literaturWERKstatt (Freitag, ab 18 Uhr, bis Sonntag). In vier "Sektionen" geht es um "Enden von Kunst", "Kunst verkaufen" und "Kunsträume" - genug Gelegenheit, zu untersuchen, was das heißt: Schlußmachen.

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