Brustkrebs bei jungen Frauen : Mitten ins Leben

„Krebs, Chemo, Tod. So läuft es doch“, sagt sich eine Berlinerin nach ihrer Diagnose. Aber ist sie dafür mit 28 nicht viel zu jung? Über ein Jahr voller Schmerzen und Ängste.

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Teuflisch. „Die Chemotherapie macht mich zu einem anderen Menschen“, sagt die junge Brustkrebspatientin, die nicht fotografiert werden wollte. Deshalb das Bild einer anonymen Frau, die dazu bereit war.
Teuflisch. „Die Chemotherapie macht mich zu einem anderen Menschen“, sagt die junge Brustkrebspatientin, die nicht fotografiert...Foto: First Light / vario images

Sandra Klimke* legt sich auf den Boden, wenn es zu schlimm wird. Ganz fest drückt sie ihren dünnen Körper dann auf den Holzboden ihrer Schöneberger Wohnung. Um sich zu spüren. Um zu spüren, dass sie noch da ist.

Celine Siebert* geht ins Fitnessstudio. Sie trainiert und rackert und schwitzt so lange, bis die Muskeln nicht mehr mitmachen. Bis sie die Schmerzen fühlt.

Emma Bergener* tastet. Sie kontrolliert sich. Viel öfter als früher. Legt ihre Hände auf die Stellen ihres Körpers, die gerade pieken und zwicken. Oder auf die, von denen sie denkt, dass sie das gerade tun.

Drei Frauen, drei Leben, die auch hätten vorbei sein können. Die auf jeden Fall aber zu jung sind für das hier, in einem Wilmersdorfer Krankenhaus im Kreis zu sitzen mit fünf weiteren Frauen und darauf zu warten, eine Plüscheule in die Hand gedrückt zu bekommen. Die wandert im Kreis von einer zur anderen, wer sie in den Händen hält, ist an der Reihe, zu erzählen. Von den Problemen und den Ängsten.

Es sind Sätze, die davon erzählen, nicht wieder verlieren zu wollen, was sie schon einmal verloren haben. Das Gefühl für den eigenen Körper, für die Haut, in der sie stecken, für das, was auf einmal nicht mehr mit ihnen arbeitete, wie sie es gewohnt waren mit ihren 28 und 30 Jahren, sondern gegen sie. Ihre Jugend und dieses Gefühl, das passte nicht zusammen.

Alle Frauen in diesem kleinen Raum des Krankenhauses kennen das. Sie tragen Kurzhaarfrisuren, Tücher oder Perücken und eben für ein paar Momente diese abgegriffene Plüscheule, die im Kreis herumgeht. Keine von ihnen hat damit gerechnet, dass es ausgerechnet sie trifft. Brustkrebs ist etwas, das die anderen haben. Meistens Ältere.

Statistisch gesehen ist eine Frau im Durchschnitt 64 Jahre alt in Deutschland, wenn sie Brustkrebs bekommt – was immerhin jeder achten im Laufe ihres Lebens passiert. Die Frauen, die jetzt in Berlin-Wilmersdorf den Kreis bilden, reißen den Durchschnitt nach unten. Und wie. An Wahrscheinlichkeiten oder Statistiken glauben sie ohnehin nicht mehr, seit sie die Diagnose hörten, die plötzlich alles infrage gestellt hat. „Sie haben Krebs.“

Die Frauen sind eine Abweichung von der Norm, eine Ausnahme. Nur hier, im ersten Stock des Wilmersdorfer Sankt-Gertrauden-Krankenhauses, wo sich die einzige Gesprächsrunde für junge Brustkrebspatientinnen im Berliner Raum einmal im Monat trifft, sind sie die Regel. Die Tür des kleinen Raums ist geschlossen, es ist stickig, aber wenigstens riecht es nicht nach Krankenhaus. Wasser und Saft stehen auf den Tischen um den Stuhlkreis herum, es hilft wenig gegen die Hitze, so dass eine nach der anderen etwas zum Fächern aus der Tasche kramt und sich Luft macht. Es sieht aus, als schlügen ihre Gedanken mit den Flügeln.

Emma Bergener knetet die Plüscheule mit ihren Händen, während sie den anderen von ihrem neuen Leben erzählt. „Es läuft super.“ Die neuen Kollegen seien nett und passten auf, dass sie nicht zu viel arbeite. Was eine Gefahr bei ihr ist. Frech sieht Emma Bergener inzwischen wieder aus mit ihren kurzen, dunklen wilden Haaren, durch die sich ein paar blonde Strähnen ziehen. Ihr zweites Gesicht.

Vor gut einem Jahr trägt sie noch einen kinnlangen Bob. Ihre Haut hat keine Falten, lange Wimpern umrahmen blaugrüne Augen. Sie sitzt in ihrer schlicht eingerichteten Zweizimmerwohnung am Südrand der Stadt auf dem Sofa, nippt am Kaffee, den sie schwarz trinkt, und blickt auf ein Leben, in dem alles seinen Platz hat. Nichts liegt hier nur herum. Dass sie krank ist, hätte ihr niemand geglaubt. Nicht mal die Gynäkologin meint, dass es etwas Ernstes sein könnte, als Emma Bergener in der Sprechstunde von einem Knoten erzählt. Harmlos, sagt die Ärztin – und schickt sie wieder nach Hause.

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