Berlin : BSE: Der Kampf der Fleischer um wenige Kunden

Ingo Bach

Infozettel, an jedem Fleischerladen gibt es Infozettel. Die BSE-Krise hat die Fleischer zu Direktwerbern gemacht. Auf bunten Zetteln wird dem Konsumenten Transparenz zur Herkunft des Fleisches garantiert. Besonders deutlich wird dies in der Markthalle am Marheineke-Platz in Kreuzberg. Gleich drei Fleischer werben hier um Kundschaft - mit Aushängen, Flyern und Etiketten, die signalisieren sollen: Wir legen unsere Karten offen.

Nicht einmal 30 Meter sind die konkurrierenden Wursttheken voneinander entfernt. Jeder kann sehen, wie das Geschäft bei den anderen läuft. Einem Brennglas gleich zeigt die Halle, wer die Verlierer und wer die Gewinner der BSE-Krise sind. Hier die beiden Fleischer Marquardt und Haase, zwei Reihen weiter Fleischer Hoffmann, der nur mit Neuland-Fleisch handelt. Die im Neuland-Verein zsammengeschlossenen Produzenten und Händler garantieren für artgerechte und umweltschonende Nutztierhaltung. Während der Neuland-Fleischer Kunden hinzugewonnen hat, müssen seine Kollegen Umsatzeinbrüche von bis zu 25 Prozent verkraften.

"Alle unsere Vollzeitbeschäftigten arbeiten jetzt einen Tag weniger in der Woche", sagt Fleischerin Monika Haase. "Es gibt nicht mehr genug Arbeit." Vor 35 Jahren hat sie in der Marheineke-Halle den ersten Stand von Fleischer Haase aufgebaut. Nun muss die Firmengründerin erleben, wie manche ihrer Stammkunden, die sie schon seit Jahren kennt, bei Neuland anstehen. "Die Kreuzberger Kundschaft ist sehr viel kritischer", sagt Haase. "Viele junge Leute aus der alternativen Szene fahren total auf Bio ab."

Auch die Verkäufer am Stand von Fleischer Marquardt fürchten um ihre Jobs. "Es trifft wieder nur die kleinen Fachgeschäfte", sagt Verkäufer Olaf Meißner. "Die großen Ketten können ja auf andere Produkte ausweichen." Auch Meißner registriert den Zulauf beim Neuland-Fleischer: "Ja, die hatten in letzter Zeit gut zu tun", sagt er mit einem bisschen Wehmut in der Stimme.

Jeder kämpft für sich allein um die verlorenen Kunden. Fleischer Haase hat alle reinen Rinderprodukte aus dem Angebot verbannt. "Das lief nicht mehr", sagt Monika Haase. So verschwand auch die Rindersalami aus den Auslagen. Mit einem grünen Punkt auf den Preisschildern signalisiert Haase: In diesem Produkt ist Rindfleisch enthalten. Die Kunden wollen es so.

Konkurrent Marquardt versucht es mit Biofleisch. Aber: "Das neue Angebot läuft noch nicht besonders gut", sagt Verkäufer Meißner. Unter den Kunden finden sich viele, die genau auf ihr Geld schauen müssen. Sie mögen es gar nicht, wenn sie statt 17 Mark für ein Kilo konventioneller Rinderroulade plötzlich 22 Mark für die Bio-Ware berappen müssen.

Bei Fleischermeister Dieter Hoffmann läuft das Geschäft dagegen gut. Am Sonnabend, schon vor BSE ein Großkampftag für die Verkäuferinnen beim Neuland-Fleischer, bilden sich lange Kundenschlangen vor der Theke. Trotzdem fühlt sich Hoffmann keineswegs auf der Siegerstraße: "So viel mehr verkaufe ich derzeit gar nicht." Doch der Umsatz blieb immerhin stabil, und allein das ist in diesen Tagen viel wert. Hoffmann ist sich sicher: "In wenigen Jahren wird es nur noch Fleisch geben, das mindestens nach den Neuland-Richtlinien produziert wurde." Es gebe gar keinen anderen Weg, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen und damit das Fleischerhandwerk zu retten.

Monika Haase sieht das etwas anders. "Auch diese Durststrecke werden wir überleben" - und sie zählt die Lebensmittelskandale der jüngeren Vergangenheit auf: Würmer im Fisch oder Salmonellen im Geflügel. "Wer redet heute noch darüber?"

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