Berlin : BSE: "Ich kenne die Kühe von der Weide"

Stephan Wiehler

Monika Bedewitz hat die Haxen dicke. Jedenfalls die von Rind oder Kalb kommen ihr vorerst nicht mehr auf den Teller. Was die BSE-Gefahr betrifft, geht sie auf Nummer Sicher. "Mein Mann und ich haben heute beim Frühstück entschieden, auf Rindfleisch zu verzichten", sagt die 60-Jährige und pickt sich am Stehtisch ein Stück Currywurst aus dem Pappschälchen.

An der Neuland-Imbissbude am Wittenbergplatz hat sie sich für eine Weiße ohne Darm entschieden, die werde, versichert die Verkäuferin, aus hundert Prozent Schweinefleisch hergestellt. In der Variante mit Darmhülle sind 20 Prozent Fleisch von Rind und Kalb verarbeitet. "Wir essen gerne Spaghetti Bolognese. Für die Sauce nehme ich jetzt nur noch mageres Schweinefleisch." Und überhaupt, man wisse doch nicht mehr, was man noch essen kann. Monika Bedewitz will jetzt jedenfalls genau hinschauen, wo sie ihr Fleisch kauft: "Ich zahle auch gerne mehr dafür", sagt sie. Ob sie dem Fleisch von Neuland, dem "Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung", mehr vertrauen kann als anderen Anbietern, das weiß sie nicht. "Ich informiere mich da jetzt erst."

Gleich gegenüber, am Imbiss neben dem KaDeWe, lässt sich von der Rinderseuche offenbar niemand verrückt machen. Eine Schlange steht um Currywurst an, von der der Mann am Grill nicht mal genau weiß, was eigentlich drin ist. "Ich bin sowieso wahnsinnig, und über Spätfolgen mache ich mir nie Gedanken", sagt ein junger Wurstesser mit Strickmütze.

Für Metzgermeister Bernd Menzel hinter der Fleischtheke der türkischen Kette Birlik Market an der Potsdamer Straße stecken hinter der Sache mit dem BSE wirtschaftliche Interessen: "Das ist wie an der Börse, reine Preispolitik. Da versucht man, aus irgendwelchen Gründen die Preise zu drücken." Die Verbraucher, sagt er, hätten allerdings allen Grund kritisch zu sein, nicht nur, was das Rindfleisch angeht. "Wenn die Kunden wüssten, was alles an Chemie in Lebensmitteln steckt, dann wären sie noch viel skeptischer." Der Metzgermeister vom Birlik Market beruhigt die Angst vor der Rinderseuche mit dem Hinweis: "Die Türken essen ausschließlich Lamm, Kalb und Rind. Die müssten doch alle längst verrückt sein."

"Ich will darüber gar nicht nachdenken", sagt dagegen Brigitte Olowolafe. Die Fleischverkäufin in der Schlachterei Storoske an der Potsdamer Straße muss allerdings täglich Fragen von besorgten Kunden beantworten. Das tut sie mit gutem Gewissen. "Die Rinder, deren Fleisch wir verkaufen, kommen alle von kleinen Höfen rund um Linum in Brandenburg. Da habe ich die Kühe schon selbst auf der Weide stehen sehen." Den Einkauf mache der Chef selbst. Letzte Sicherheit, das weiß auch Brigitte Olowolafe nach den ersten BSE-Fällen in Deutschland, könne es aber wohl nicht geben.

Im Burger King nebenan hält Kurt Beck den Ball flach und beißt in seinen Rindfleisch-Whopper. Das Thema BSE hält der 23-Jährige für eine "Lochfüller-Debatte": "Von der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gibt es so wenig Fälle und außerdem ist nicht bewiesen, ob BSE dafür verantwortlich ist." Wenige Meter weiter, im Kardesler Imbiss, belegt der Dönermann nicht nur mit einer Herkunftsgarantie seines Lieferanten, dass sein Kalbsfleisch unbedenklich ist, sondern legt lebendes Zeugnis ab: "Ich esse das."

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