Berlin : BSE: "Rindfleisch essen? Aber immer, keine Frage"

Amory Burchard

"Was mich so ärgert, ist diese Dummheit, dieses Hochspielen von Dingen." Hans-Jürgen Schmidt ist seit 45 Jahren im Fleischerhandwerk und seit 25 Jahren Meister. Da habe er wohl schon ein Wörtchen mitzureden, wenn es um Rindfleisch gehe, sagt der Niederlassungsleiter des Fleischgroßhandels Recke. Seit am 24. November der erste deutsche BSE-Fall bekannt wurde, stellten Kunden auf dem Fleischgroßmarkt an der Beusselstraße so vieles in Frage, dass Schmidt die Welt nicht mehr versteht. Wie hoch der Rindfleischanteil in Schweinekoteletts sei, hätten "ganz Penible" wissen wollen.

"Helfen, helfen, wir wollen aus der Orientierungslosigkeit heraushelfen", sagt Schmidt. Genau das sollen auch die Etiketten auf den Rindfleischteilstücken. In tiefen Aluregalen liegen in Plastikfolie eingeschweißte Fleischpakete. "Eine klassische Rinderoberschale für Rinderroularden", erklärt Schmidt. Aus dem Etikett geht hervor: "in Deutschland aufgezogen, in Deutschland geschlachtet". Unten rechts steht die Identifikations-Nummer des Rindes: 00510-2. Wofür die Nummer steht, weiß Schmidt ebenso wenig wie Fleischerei-Laien. Zu entschlüsseln sei das mit Hilfe eines EDV-Systems, auf das der Großhandel keinen direkten Zugriff habe.

Schmidt versichert aber, dass das Fleisch vom größten Zerleger in Brandenburg kommt. "Das reicht, das ist doch gut." Noch wollten es die Kunden auch nicht genauer wissen. Bei welchem Bauern das Rind aufgezogen und wie es ernährt wurde, habe noch nie jemand gefragt. Aber dass noch detailliertere Etiketten "bis hin zum Namen der Kuh" kommen, sei sicher.

In Schlachter Köppens Einkaufswagen schlägt sich die Rindfleisch-Krise nieder. Der Moabiter Fleischermeister nimmt nur Schweine- und Putenfleisch, um Würstchen zu machen. Die Wiener hat Edgar Köppen vor Weihnachten ganz auf Schweinefleisch umgestellt, obwohl ihnen so "der Biss fehlt". Umsatzeinbußen? Im Moabiter Kiez wirke sich die BSE-Krise bislang nicht gravierend aus. Die Leute wollen weiterhin Fleisch und Wurst essen. Als in der Zeitung stand "Alle Wurst verseucht!" habe es zwei, drei Tage einen Einbruch gegeben. Danach hätten die Kunden mehr gefragt, was drin sei - und dann gekauft.

Wenn Großhändler Schmidt sagt, "hier nimmt der Kunde Ware mit, wo er sicher sein kann: Da ist nichts mit BSE", klammert er Rindfleisch ausdrücklich aus. Wenn morgen ein BSE-Fall in Brandenburg bekannt würde, wäre wieder alles in Frage gestellt. Recke verkaufte vor der Krise ohnehin nur 30 Prozent Rind, etwas unter 70 Prozent Schwein und ansonsten noch ein bisschen Lamm und Geflügel. Heute ist der Rindfleischumsatz auf zehn Prozent gesunken. Schmidt beantwortet die Frage nach den Einbußen mit "jein". Jetzt, sagt er, kämen die traditionelle Januar-Flaute nach dem Ende des Weihnachts- und Silvestergeschäfts und die BSE-Krise zusammen. Im Jahresschnitt verkauft Recke 15 Tonnen am Tag, gegenwärtig acht Tonnen. Eine Woche vor Weihnachten seien es aber 20 Tonnen gewesen. Schmidt glaubt, dass sich der Umsatz wie jedes Jahr im Frühling wieder erholt.

Die Preise für Rind und Wurst mit Rindfleischanteilen sind bei alledem stabil, sagt Schmidt. Es gibt Sonderangebote, klar. "Wenn ich nicht handeln würde, wäre ich kein guter Geschäftsmann." Aber die Situation in Zeiten der neuesten BSE-Skandale auszunutzen, wäre den alten Partnern gegenüber nicht fair. "Undenkbar, die jetzt in die Knie zu zwingen." Und isst Schmidt selber noch Rindfleisch? Die Antwort kommt prompt: "Aber immer, überhaupt keine Frage." Die Wahrscheinlichkeit, vom Auto überfahren zu werden oder an BSE zu erkranken, sei schließlich eins zu einer Million.

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