BSR : Die Saubermänner - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren hatte sich die Millionenkampagne für die Berliner Stadtreinigung gelohnt. Sie hatte den Ruf des Müllwerkers und das Image der Stadt aufpoliert. Was Sebastian Leber darüber schrieb.

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Restgut für Knut. 6500 Tonnen reihten die Helfer der BSR am Sonnabend in Tempelhof auf, um für Mülltrennung zu werben. Die farbigen Deckel sollten ein Eisbärenmotiv ergeben. Auch Alba und die Stiftung Naturschutz beteiligten sich. Fotos: David von Becker, Landesbildstelle, promo
Restgut für Knut. 6500 Tonnen reihten die Helfer der BSR am Sonnabend in Tempelhof auf, um für Mülltrennung zu werben. Die...

Es sieht hübsch aus, wie die 6500 Mülltonnen da am Sonnabend im Tempelhofer Park auf dem Rollfeld stehen. So bunt. So viele. So weltrekordverdächtig.

Es sieht gar nicht hübsch aus, was Martin Glasauer da Donnerstagvormittag in der dunklen Tonne in der Reinickendorfer Zobeltitzstraße findet. Babywindeln, nicht verschlossen. Man riecht es von weitem, aber wer beide Hände fürs Ziehen braucht, kann sich schlecht die Nase zuhalten. Es gibt Schlimmeres, sagt Glasauer. Verfaulten Fisch zum Beispiel. Jeden Freitag müssen sie zu diesem Sushiladen in Mitte, im Keller wartet die volle Tonne mit Fischresten, das stinkt bestialisch. Ob Martin Glasauer manchmal seine Berufswahl bereut? „Nee, warum das denn?“

Offiziell ist er Müllwerker, aber das sagt hier sowieso keiner. Also Müllmann. Fast 800 sind jeden Tag für die Berliner Stadtreinigung unterwegs, immer zu dritt teilen sie sich einen Wagen. Einer fährt, zwei stehen hinten auf den Trittbrettern. Aber meistens laufen sie doch nebenher, zum nächsten Haus, suchen am Bund den richtigen Schlüssel, um wieder irgendeine Tür aufzukriegen.

Sie sind heute morgen um sechs losgefahren, vom Betriebshof in der Malmöer Straße, einem von vieren in Berlin. Manche Kollegen kommen immer schon eine Stunde früher, sitzen im ersten Stock in der Kantine, trinken Kaffee, spielen Karten. Das frühe Aufstehen ist das geringste Problem, sagt Glasauer.

Er ist 46, seit 20 Jahren arbeitet er bei der BSR, früher gab es diesen Satz, den Martin Glasauer so hasste: Wer in der Schule nicht aufpasst, landet bei der Müllabfuhr. Den hört er heute kaum noch, und das liegt auch an den Plakaten, sagt er. Und den Anzeigen. Und den Kinospots.

Wie kein anderes Unternehmen hat es die BSR in den vergangenen zehn Jahren geschafft, ihr eigenes Image und das eines ganzen Berufsstandes nachhaltig zu verändern, durch langfristige Werbekampagnen und immer wieder durch ungewöhnliche einzelne Aktionen – wie der, aus tausenden Tonnen einen Eisbären zu formen, um die Berliner ans Mülltrennen zu erinnern. Großen Anteil daran hat ein Mann namens René Heymann, Chef einer Berliner Werbeagentur und Ende der neunziger Jahre mit der Ausarbeitung der ersten Kampagne beauftragt. Die sollte vermitteln, dass Berlins Müllmänner keine Abfallheinis, sondern moderne Dienstleister sind. Und dass sie Humor besitzen. Heymann versuchte es mit Wortspielen: Saturday Night Feger. Bemannte Räumfahrt. Blechreiz. Oh Tonnenbaum. Allein in den ersten drei Jahren gab die BSR dafür 3,5 Millionen Mark aus. Der Spruch We kehr for you wurde zum geflügelten Wort. „Wir haben keine Wunder erwartet“, sagt Martin Glasauer. „Aber es hat sich spürbar verbessert.“

Andererseits ist auch der Druck gewachsen. Die landeseigene BSR musste sich zu insgesamt fünf Sparrunden verpflichten, „Effizienzsteigerungsprogramme“ heißen die, kein beliebtes Wort unter Glasauer und seinen Kollegen. Innerhalb von zehn Jahren wurde jeder fünfte Arbeitsplatz abgebaut, durch Altersteilzeit und Nichtnachbesetzung, bis 2012 gilt Einstellungsstopp. Für die verbliebenen Müllmänner heißt das vor allem: mehr Arbeit und Stress. Montags und donnerstags fährt Glasauer durchs südliche Reinickendorf, mittwochs weit raus bis nach Hermsdorf, das ist der gute Teil der Woche. Denn dienstags und freitags müssen sie durch Mitte, durch dichten Verkehr und von Falschparkern verengte Straßen. Auf die vielen Fahrradfahrer müssen sie ebenfalls achten. Am schlimmsten sei mit Abstand die Mulackstraße, da habe ihr Wagen links wie rechts nur fünf Zentimeter Luft. Und nebenan die Rückerstraße, in der liegen zwei Kitas, da müssen sie auch aufpassen. Obwohl: „Das sind unsere Fans“, sagt Glasauers Kollege. „Hallo Onkel Müllmann und so.“

Glasauer ist gelernter Blechschlosser, früher arbeitete er im Akkord in einer Fabrikhalle. Draußen ist es tausendmal besser, sagt er. Im Durchschnitt bekommt jeder Müllmann 2200 Euro brutto.

Es gibt keine Frauen bei der Müllabfuhr, das ginge körperlich nicht. Vom Knochenjob verspannt sich auch bei den Männern ständig der Nacken, oder die Handgelenke schmerzen und noch öfter der Rücken. Das kommt von den Tonnen, die sie über Treppen aus Kellern hochziehen müssen. In Mitte gibt es besonders viele davon, und Martin Glasauer hat eine Theorie, warum das so ist. „Die Leute hier verstecken ihren Abfall.“ Weil er in ihrem modernen Großstadtleben am besten gar nicht vorkomme. Als gehöre er den Müllmännern, und die sollen ihn bitte heimlich abholen, ohne Krach zu machen. Jetzt sieht Glasauer ein bisschen genervt aus. Aber wie gesagt: Er hat keine Wunder erwartet von den Plakaten.

250 Kilo Hausmüll produziert jeder Berliner pro Jahr. Singles mehr als Verheiratete, denn sie kaufen kleinere Packungen. Ist eine Tonne ungewöhnlich schwer, lohnt sich ein Blick hinein. Dann finden sie oft: Fahrräder, Automotoren, Küchenmöbel, Kachelöfen. Die müssen sie zurücklassen, sonst würde die Hydraulik des Müllwagens Schaden nehmen.

Der süßliche Geruch ist immer da. Er steckt in der Kleidung, am Wagen, auch drinnen in der Fahrerkabine, vielleicht liegt es am Plastikskelett, das haben sie in einer Tonne gefunden und zum Maskottchen gemacht. Der Geruch ist wie eine Hintergrundmusik, die man nicht abstellen kann, an die man sich aber schnell gewöhnt. Bevor Glasauer nach acht Stunden nach Hause geht, wird er duschen und die Arbeitskleidung im Betriebshof lassen. Das Gute am Job sind die freien Nachmittage. Das Schlechte ist, dass Martin Glasauer keinen Film zu Ende sieht, der abends nach 20 Uhr beginnt.

Seine Tochter hat ihn einmal gefragt, ob er ihr nicht bitte eine orangefarbene Latzhose von der Arbeit mitbringen könne. Die brauchte sie für eine Technoparty. Sebastian Leber

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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