Berlin : Bubi Scholz: Nachdenken über Gustav S. (Kommentar)

Gerhard Mauz

Am Donnerstag vergangener Woche ist in Berlin der ehemalige Berufsboxer Gustav Scholz beigesetzt worden. Eine "Legende" sei Gustav Scholz, hieß es an seinem Grab. Doch auch gut gemeinte Worte sollten den Blick auf ein Leben nicht verstellen, dem Nachdenken gebührt. Nach-Denken.

Gustav Scholz verfehlte das Ziel, das er erreichen wollte. Und zerbrach. 1962 scheiterte er in einem Kampf um die Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht gegen den Nordamerikaner Harold Johnson. Max Schmeling, der das Vorbild von Gustav Scholz gewesen ist, sagte damals in einem Interview: "König bist du nicht geworden, aber du hast das Schloss gesehen."

Max Schmeling, der von 1930 bis 1932 Weltmeister in Schwergewicht war, ist bis heute der Größte unter den deutschen Berufsboxern. Was er über Gustav Scholz nach seiner Niederlage 1962 sagte, war kein herablassendes, herabsetzendes Wort. Es war ein Trost, und auch ein teilnehmender, guter Rat. Max Schmeling, in dessen Leben es auch Abstürze gab, hat sich denen nie ausgeliefert, die sich mit ihm schmückten.

"Der Weg aus dem Nichts" hieß ein Buch von Gustav Scholz, das von einem Ghostwriter geschrieben wurde, das jedoch sehr, sehr viel Gustav Scholz enthält. Da heißt es, dass das "so genannte Prominentendasein" unbestreitbare Vorzüge, doch auch "unausrottbare Nachteile" habe: "Man wird unnachsichtig beobachtet." Und wiederholt geht es darum, wer Freunde sind und was Freundschaft ausmacht. Da steht der Satz: "Mit den Jahren wächst einem eine Haut wie einem Elefanten. Das ist ein Prozess des Selbstschutzes, weil man am Übermaß der Bekanntschaften - wie an jeder Übertreibung - kaputtgehen kann; es bleiben einem nicht einmal die wenigen Minuten für den wichtigsten Freund, das eigene Ich."

Diesen Freund, sich selbst, hat Gustav Scholz nie gefunden. Er war mit allen befreundet, die seinem Weg aus dem Nichts zu nutzen schienen, mit Journalisten, Schauspielern, Geschäftsleuten und Politikern - mit denen, die sich mit ihm schmückten.

1955 heiratete Gustav Scholz seine langjährige Freundin Helga. Er litt damals an Lungentuberkulose. Dass er noch einmal als Boxer Geld verdienen würde, hielt niemand für möglich. Doch er überwand die Krankheit und kehrte in den Ring zurück. Noch einmal konnte er versuchen, Erfolge zu erringen, die nicht vergessen werden würden. Doch 1962 scheiterte er.

Wer König geworden ist, erfährt, wie wenig das ist. Er kommt buchstäblich hinter den Ruhm und seinen Preis. Er hat zumindest die Chance, zu erkennen, dass jedes, selbst das höchste Ansehen unter Menschen nichts ist als "ein Ansehen". 1965, 35 Jahre alt, zog sich Gustav Scholz aus dem Ring zurück. Fortan quälte sich sein Leben unter der Last eines nicht erreichten Ziels dahin.

1984 erschoss Gustav Scholz seine Ehefrau Helga, drei Jahre Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Tötung. Es kommt oft, sehr oft zu derartigen Tötungen. Die Angst, die Panik, nun ein Nichts zu sein, schlug zu. Max Schmeling, heute 94 Jahre alt, schickte einen Kranz nach Berlin. Unter allen Grüßen an den Toten wohl der teilnehmendste.

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