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Buchdruckerei in Tempelhof : Auf der Suche nach einem Nachfolger für das Traditionsgeschäft

26.06.2013 16:53 Uhrvon
Mensch und Maschine. Jürgen Müller am Heidelberger Tiegel, dem Schmuckstück seiner Druckerei in der Tempelhofer Fliegersiedlung. Der 71-Jährige hat über die Jahre 400 Setzkästen mit tausenden Metalllettern gesammelt. Einst bestaunten die SPD-Politiker Björn Engholm und Gerd Wartenberg seine Druckmaschinen. Foto: Thilo RückeisBild vergrößern
Mensch und Maschine. Jürgen Müller am Heidelberger Tiegel, dem Schmuckstück seiner Druckerei in der Tempelhofer Fliegersiedlung. Der 71-Jährige hat über die Jahre 400 Setzkästen... - Foto: Thilo Rückeis

Die Buchdruckerei Müller in Tempelhof ist eine der letzten, die mit Bleisatz drucken. Doch wie lange noch? Jürgen Müller hat keinen Nachfolger für sein Traditionsgeschäft. Sein Sohn jedenfalls will es nicht machen – denn der ist Senator.

Wenn Jürgen Müller seine Druckpresse Heidelberger Tiegel in Gang setzt, klingt es so, als ob eine Dampflok durch seine Werkstatt fährt. „Ein ganz typisches Geräusch, dieses Zischen“, sagt der Schriftsetzer. „Einen Tiegel erkenne ich daran schon von Weitem.“ Es gibt nicht viele in Berlin, die mit diesem Zischen noch etwas anfangen können. Jürgen Müller ist einer der wenigen Drucker, die ihre Bestellungen noch so anfertigen wie Johannes Gutenberg, der Erfinder des modernen Buchdrucks, um 1450 – mit beweglichen Metalllettern und einer Druckerpresse. Wie lange er das noch kann, weiß der 71-Jährige allerdings nicht.

„Vor fünf Jahren gab es in Berlin noch etwa 400 Druckereien, inzwischen sind es nur 300“, sagt Müller.

Klingt viel, doch er schränkt gleich ein: „Davon beherrschen vielleicht noch vier oder fünf den Druck mit Bleisatz, der Rest hat bereits auf Digital- und Offsetdruck umgestellt.“ Müllers Schreibtisch in der Mitte der Druckerei in der Manfred-von-Richthofen- Straße ist umgeben von alten Schränken, die gefüllt sind mit tausenden Bleilettern. 400 Setzkästen hat der Berliner gesammelt, in allen Größen und Schriftarten. Immer wenn eine Druckerei zugemacht hat, kaufte er die Setzkästen – oder bekam sie geschenkt. Zum Beispiel von der amerikanischen Botschaft, als die 2006 das Amerika-Haus 2006 auflöste. „Dort war im Keller nämlich eine Druckerei.“

Seine gibt es schon seit 51 Jahren, erst in Neukölln, seit 1993 in Tempelhof. Den Unterschied zum modernen Druck merkt auch der Laie sofort: Die Finger können jeden Buchstaben ertasten, als wäre er eingestanzt worden. „Die Haptik ist eine ganz andere“, sagt Müller. Visitenkarten und Traueranzeigen sind seine stabilste Einnahmequelle. Briefbögen, Lieferscheine, all das wird nun am Computer gedruckt.

„Ich habe immer gedacht, so bis 80 arbeitest du hier, dann fällst du hier drin um“, sagt Müller. Ganz so lange wird er nicht mehr durchhalten, aus gesundheitlichen Gründen. Und der Mietvertrag läuft in anderthalb Jahren aus. Ein Nachfolger, der nicht zur Familie gehört, kam für Müller nicht infrage. Und der einzige Sohn wird den Laden nicht übernehmen, der ist nämlich Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung. „Auch wenn der Micha wirklich sehr an der Druckerei hängt.“ Zehn Jahre lang hat Senator Müller hier gearbeitet, hat den Offsetdruck eingeführt. „Ich wusste nicht mal, wie man diese Maschine anmacht“, sagt der Vater, der selbst zehn Jahre lang Bezirksverordneter der SPD in Tempelhof war. Seit der „Micha“ in der großen Politik spielt, gibt es in der Manfred-von-Richthofen-Straße auch keinen Offsetdruck mehr.

Dafür viele Erinnerungen. Hinter Müllers Arbeitsplatz hängt ein Foto von ihm und den SPD-Politikern Björn Engholm und Gerd Wartenberg an der Setzmaschine. „Die beiden haben genau wie ich Schriftsetzer gelernt“, erzählt er. Als Engholm Parteivorsitzender der SPD war, haben er und Wartenberg Müller in seiner Druckerei besucht.

Jürgen Müllers Welt sind die kleinen Bleilettern, die er mithilfe seiner Setzmaschine Linotype zusammensetzt. Und der Original Heidelberger Tiegel, mit dem er alle Bestellungen drucken kann – selbst die kleinste Visitenkarte, ohne dass sie in der großen Druckerpresse verschwindet. Für den Tiegel hat Müller in den 60er Jahren 6000 Mark bezahlt. Mit Luft wird jedes Blatt einzeln angesaugt, dann mit einem Greifer gegriffen, vor den Bleisatz gedrückt und auf einer kleinen Halterung abgelegt. „Die großen Druckereien arbeiten mit 40 000 bis 50 000 Druck in der Stunde“, sagt Müller. Sein Tiegel schafft nur 2000 Druck. „Das ist ziemlich langsam“, sagt Müller. Für ihn allerdings ist es gerade schnell genug.

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