Berlin : Buchhandel ist zufrieden: Berlins Händler setzen auf den Boom

Cay Dobberke

Im Berliner Buchhandel herrschen wieder mehr Zuversicht und Expansionslust - und das nicht nur wegen des Rekordverkaufs der Harry-Potter-Romane. Gestern präsentierte Kiepert ein neues Verkaufskonzept für die Zentrale an der Hardenbergstraße, deren Umbau am 11. November beendet sein soll. Ebenfalls am Donnerstag eröffnete Hugendubel an der Steglitzer Schloßstraße seine fünfte Filiale in der Stadt. Das Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße feiert am Dienstag sein dreijähriges Bestehen und hat laut Leiterin Martina Tittel zuletzt "zweistellige Zuwachsraten" bei der Literatur erzielt. Auch Ursula Kiesling, die Chefin der drei Divan-Buchhandlungen und von Haberland in Frohnau, sieht keinen Grund zur Klage: "Uns geht es sehr gut."

Die Stimmung unter den Buchhändlern hat sich demnach gewandelt. Lange gab es in Berlin vorwiegend Anzeichen einer Krise: Das französische Kulturkaufhaus Fnac mit großer Buchabteilung gab ebenso auf wie die Buchhandlung Herder, die im Frühjahr 1997 wegzog. Kiepert beklagte noch 1999 eine äußerst angespannte Geschäftslage. "Aber wir haben auf die schwierige Situation mit einer Nach-Vorne-Strategie reagiert", betonte gestern Geschäftsführer Hauke Koch. Der vor drei Monaten begonnene Umbau an der Hardenbergstraße ist mehr als eine Renovierung - die 103 Jahre alte Traditionsbuchhandlung will ihr Image und die Verkaufsformen modernisieren. Signalisiert wird dies auch durch ein neues Logo: Weiße Schrift auf knallrotem Hintergrund löst das dezente Hellgrün ab.

Als bisherige Schwachpunkte wurden in Kundenbefragungen "verstaubtes Ambiente, technische Rückständigkeit, langweilige Angebotspräsentation" und Unübersichtlichkeit ausgemacht. Nun durchzieht ein farbiges Leitsystem die vier Verkaufsetagen. Deren Fläche stieg durch die Übernahme von Büros und Bankräumen im Gebäude von 5000 auf 6000 Quadratmeter. Computer-Arbeitsplätze der Berater wurden wie kleine Inseln in den Räumen gruppiert, alle Rechner sind drahtlos durch ein Funknetzwerk verbunden. Die Mitarbeiter bekamen Mobiltelefone samt Ohrhörer und Bügelmikrofon, so dass sie jederzeit und überall mit Anrufern sprechen können. Den Service aufwerten sollen 150 Sitzplätze, ein Kundenparkplatz im Hof und eine Garderobe.

Bereits morgen eröffnet im Erdgeschoss außerdem das Café "Balzac Coffee" mit 50 Plätzen. In der Sommersaison will es auch im Freien servieren. Bei Kiepert eingezogen ist auch das Musikgeschäft "L & P Musics", das ab Sonnabend oder Montag seine Kunden empfangen möchte. Geschäftsführer Albert Wagner setzt auf "anspruchsvolle Musik", die man in den CD-Abteilungen von Elektronikmärkten kaum bekomme. Allein im Jazzbereich seien 12 000 Titel am Lager. Das Stammhaus besteht seit 1997 an der Knesebeckstraße. Dritter Mitnutzer des Hauses wird ein Shop für Zeitungen, Zigaretten, Lottoscheine und BVG-Tickets. Nach wie vor halten Seniorchef Robert Kiepert und sein Sohn Andreas die "Sortimentstiefe" für eine Stärke des Hauses. Bestseller wie "Harry Potter und der Feuerkelch" seien zwar "toll", aber nicht entscheidend. Die 100 meistverkauften Bücher brächten nur fünf Prozent des Gesamtumsatzes.

Laut Detlef Bluhm, Geschäftsführer des Verbands der Verlage und Buchhandlungen in Berlin-Brandenburg, stieg die Verkaufsfläche für Bücher seit 1997 stadtweit von rund 50 000 auf 80 000 Quadratmeter. "Kein Mensch hätte geglaubt, dass das ohne große Brüche geht." Tatsächlich hätten zwar immer wieder kleinere Buchläden geschlossen, aber weniger als erwartet. "Insgesamt gibt es leicht steigende Umsätze", sagt Bluhm. Der Internet-Buchhandel mache immer noch "weniger als ein Prozent" davon aus.

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