Berlin : Buchhandlung am Brecht-Haus wird Ende Juli schließen

Inhaberinnen weichen der drohenden Mietpreiserhöhung in der Chausseestraße 124

Till Schröder

Im Schaufenster der Buchhandlung am Brecht-Haus hängt ein handbeschriebenes Blatt Papier: „Wir schließen Ende Juli!“ Die Fachbuchhandlung erfüllte Germanisten, Dramaturgen und Theaterliebhabern jeden Buchwunsch, besonders wenn es um Literatur von und über Bertolt Brecht ging. Berliner Ensemble, Deutsches Theater oder Akademie der Künste bestellten hier alle ihre Bücher. Zu DDR-Zeiten pilgerten literaturbeflissene Touristen und Studenten der Theaterwissenschaft zum damaligen „Brecht-Zentrum“ in der Chausseestraße, um ihr zwangsumgetauschtes Geld gegen seltene Ausgaben von Brecht-Stücken, Schriften über das epische Theater oder die großen Klassiker der Weltliteratur einzutauschen.

Karin Daßler, eine der beiden Inhaberinnen, fing kurz vor der Wende als Verkäuferin in der Buchhandlung an. „Die Buchhandlung im Brecht-Zentrum war immer schon ein interessanter Treffpunkt“, sagt Daßler. „Zu DDR-Zeiten arbeitete das Archiv im Haus mit dem Aufbau-Verlag und dem westliche Suhrkamp-Verlag in Frankfurt gemeinsam an der gesammelten Brecht-Ausgabe.“

Zwei Jahre nach Mauerfall privatisierte der Senat die zwei Häuser neben dem ehemaligen Wohnhaus von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Daßler und ihre Kollegin Bärbel Henning übernahmen die Buchhandlung zu einem günstigen Mietpreis. Mitte Mai letzten Jahres wechselte allerdings der Eigentümer der Chausseestraße 124. Der will das Haus sanieren. Die Miete würde daraufhin in Staffeln auf nahezu das Doppelte steigen.

Zu Rezessionsstimmung und hoher Miete kommen die Belastungen durch die Bauarbeiten: „Wir hatten sogar das Angebot, zur gleichen Miete bis Ende 2004 zu bleiben - während der Bauarbeiten“, sagt Daßler. Die Gegend ist heute etwas abgelegen. „Die Laufkundschaft würde noch stärker nachlassen.“

Die neuen Ausgaben haben die Inhaberinnen an die Verlage zurückgeschickt. Die Preise des antiquarischen Bestandes sind stark herabgesetzt. Gleich am Eingang liegen Theaterplakate aus den alten Zeiten des Berliner Ensembles. In einer Schachtel auf dem Tresen kann man in Aufzeichnungen von Bertolt-Brecht-Inszenierungen auf CD oder Musikkassette stöbern. Die Stimmen sind von Ernst Busch, Ekkehard Schall oder Hilmar Thate. Dieses Sortiment mit Harry Potter oder Rosamunde Pilcher aus Überlebensgründen zu erweitern, wäre für für die Inhaberinnen nicht in Frage gekommen.

Eine junge Frau springt in den Laden und erkundigt sich nach einer Führung durch das Museum. Daßler schickt sie nach nebenan. „Als Auskunftsbüro fällt die Buchhandlung jetzt natürlich auch weg“, sagt sie, als die Touristin weg ist. „Zusammen mit dem Dorotheenstädtischen Friedhof hätte das Brecht-Zentrum eine größere Anziehungskraft auf Touristen ausüben können. Aber das hat der Senat damals, als er die Häuser verkaufte, nicht richtig bedacht.“

Archiv, Literaturhaus, Museum und Kellerrestaurant im heutigen Brechthaus werden weiterhin bestehen. Für einen Buchhandel im Stil eines modernen Museums-Shop fehlen allerdings die Räumlichkeiten.

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