Berlin : Bücher zu Weihnachten: Die Pracht der Postkarte

Andreas Conrad

Die Weihnachtsgans liegt schwer im Magen, die Lichtlein sind runtergebrannt. Nach der Bescherung folgt nun eine etwas träge Behaglichkeit, man zieht sich jetzt gern zurück, und sei es in einen Sessel. Ein Buch, bitte, am besten das neue mit den vielen Bildern, darin blättert es sich so gut. Lesen wird man es später. Vielleicht.

Ja, jetzt kommt die Hochsaison der üppig illustrierten Glanzwerke, die dieses und jenes feiern, sich gut im Bücherschrank machen, hochgeeignet als Präsent. Bücher wie der bei Jaron erschienene Band über den Potsdamer Platz beispielsweise (Text: Peter Schubert; Fotos: Günter Schneider). Von dem etwas prahlerischen Untertitel "Magischer Ort und Stadt der Zukunft" sollte man sich nicht gleich abschrecken lassen, inhaltlich geht der Band über das Anpreisen der Stadt hinaus, das dem Touristen noch nachträglich unentwegt versichert, wie toll der Ausflug nach Berlin war. Das macht der Band natürlich auch, besonders die das Baugeschehen dokumentierenden Fotos sind zu oft von einer gefälligen Postkartenästhetik, doch wird dies durch historische Aufnahmen und Streifzüge durch abgelegenere Ecken des Platzes, zum Beispiel den Logistiktrakt im Keller, wieder korrigiert. Auch der Text streift manche fast vergessene Platzepisode, den Durchbruch der M-Bahn an der Endstation Kemperplatz etwa, das längst geräumte Rollheimer-Dorf, oder das "The Wall"-Konzert, das allerdings nicht wie behauptet, von Pink Floyd bestritten wurde, sondern nur von deren Ex-Gitarristen Roger Waters.

Gleich der ganzen Stadt widmet sich der unlängst bei Nicolai erschienene Band "Berlin" (Essay: Klaus Hartung; Fotos: Manfred Hamm). Ein Bildband wie so viele, wird man zunächst denken, aber dann geht schon das erste Großfoto vom Dach des Lindenkorsos quer über die Stadt, drängt Russische Botschaft, Brandenburger Tor, Siegessäule, Ernst-Reuter-Platz auf engem Raum zusammen - eine Bildkomposition, die überraschende Perspektiven eröffnet, dazu noch in Schwarz-Weiß. Oft, wenngleich nicht durchgehend, hat sich der Fotograf der Farbe verweigert und mit Erfolg einen Stil anvisiert, der offenkundig auf die großen Stadtfotografen des Berlins der 20er Jahre zielt. Auch begnügt er sich für sein Porträt der Stadt nicht mit deren - alten wie neuen - Prunkbauten, besuchte vielmehr auch ausgewählte Bewohner, setzt sie in ihren Lebens- und Arbeitsräumen in Szene, von Claudia Skoda über Sten Nadolny und Otto Ziege bis Ben Wargin - natürlich mit Gingko-Bäumchen. Ein ungemein ästhetisches Buch, das die Metropole nur preist, nicht anpreist.

Um für sein Buchthema einzunehmen und zum entspannten Blättern zu verlocken, musste sich Wolfgang Brönner, ausgewiesener Kenner bürgerlicher Villenkultur, nicht sehr anstrengen. Die Objekte seines Interesses bestechen von allein: "Bürgerliche Villen in Potsdam". Der von Jürgen Strauss fotografierte und in seinem Verlag herausgekommene Band ist ein Spaziergang durch eine vergangene, gottlob nicht ganz untergegangene Pracht. Ja, es ist erstaunlich, wie viel Substanz über den Krieg und die DDR-Zeit hinweg gerettet werden konnte. Doch bei aller Pracht des sehr dekorativen Buches bleibt es schade, dass sich der Autor weitgehend mit der Architektur- und Bauhistorie der Villen - neun werden ausführlich, weitere 17 in Fotos und Bauplänen vorgestellt - begnügt hat. Die Geschichte ihrer Bewohner kommt eindeutig zu kurz, und beispielsweise bei der Villa Gutmann am Jungfernsee, berühmt durch einen "Arabicum" genannten Raum, wäre sie von hohem Interesse gewesen: jüdischstämmige Besitzer, 1933 Flucht aus Deutschland, später quasi enteignet. Der Bau mag, wie der Autor schreibt, "noch wenig untersucht sein", aber ein bisschen weiß man dann doch.

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