Berlin : Bückeballer auf Trab bringen

Ex-Polizeipräsident Saberschinsky ist jetzt Konditionstrainer beim Hockeyklub Zehlendorfer Wespen

Katja Füchsel

Kein Grund, sich zu fürchten, eigentlich. Die meisten in der Hockeymannschaft sind Anfang 20, durchtrainiert, sie spielen um den Aufstieg in die erste Bundesliga. Ein Pensionär, 65 Jahre alt, hätte ihnen beim Waldlauf also kaum etwas entgegenzusetzen – hieße er nicht Hagen Saberschinsky: Einst Berlins Polizeipräsident, heute der Konditionstrainer der Zehlendorfer Wespen. Im Wald gibt jetzt Saberschinsky Tempo und Strecke für die 1. Herren vor, mal zwölf Kilometer, mal 16. Kein Pensum, dass die Hockeyspieler im Training gewöhnt wären. „Ich hab’ auch schon wieder Angst“, sagt Florian Keller, ein früherer Nationalspieler.

Die Jungs stehen plaudernd zusammen, als Saberschinsky um die Ecke biegt. Wer den Mann nur aus seiner Zeit als Polizeipräsident kennt, muss zwei Mal hinschauen: Saberschinsky trägt kurze Hosen, ein weißes T-Shirt, schwarze Weste, seine Beine sind beängstigend muskulös, die Augen strahlend blau. Bei der Polizei war Saberschinsky wegen seines autoritären Führungsstils, seiner schroffen Art berüchtigt, jetzt fallen einem seine vielen Lachfältchen auf – und seine aufgeräumte Laune. „Vom Hockey hab’ ich keine Ahnung“, sagt Saberschinsky. Früher, als er auf dem Sportplatz noch Modernen Fünfkampf trainierte, habe er sich über die gebückten Gestalten mit den krummen Hölzern ja eher lustig gemacht: Von wegen, Sportler! Wasserschöpper! Bückeballer!

Vorbei – spätestens seit Saberschinsky bei „Rot-Weiß“ Tennis spielt. Seitdem er sich bei den Verbandsspielen mit Carsten Keller in der Mannschaft Klasse um Klasse hocharbeitet. Kellers Familie hat in Sachen Hockey Geschichte geschrieben, keine ist weltweit so erfolgreich wie sie: Carsten Keller war 1972 Olympiasieger in München, sein Vater Erwin gewann 1936 Silber in Berlin. Florians Halbbruder Andreas wurde 1992 Olympiasieger in Barcelona, holte Silber in Los Angeles und Seoul. Florian Keller war Europameister, seine Schwester Natascha ist ebenfalls Nationalspielerin, war Torschützin der Bundesliga, Sportlerin des Jahres. Zu einem ihrer Spiele nahm Carsten Keller seinen Tennispartner mit, seitdem gibt sich Saberschinsky bekehrt. „Ein hochinteressanter Sport!“

Nur, dass die Zehlendorfer Wespen das mit dem Aufstieg in die erste Bundesliga nicht hinkriegen: Schon drei Mal scheiterten sie knapp, in der letzten Saison fehlte der Mannschaft von Florian Keller nur ein einziger Punkt. Keller senior zog erst die Bilanz: Hoch talentierte Spieler, aber keine Kondition. Dann zog er sein As: Saberschinsky. Geld verlangt Saberschinsky nicht für seine Dienste. „Einmal Schutzmann, immer Schutzmann“, winkt der Konditionstrainer ab. „Wenn man kann, dann hilft man halt!“

Neun Jahre stand Saberschinsky an der Spitze der Berliner Polizei, es war eine Zeit mit einer ganzen Reihe spektakulärer Verbrechen: Gleich am Abend seiner Amtsübernahme, am 17. September 1992, wurden im „Restaurant Mykonos“ vier kurdische Oppositionspolitiker aus dem Iran ermordet. Im September 1993 schlug „Dagobert“ zu, 1995 drangen die Tunnelgangster in eine Bankfiliale in Zehlendorf ein, im Februar 1999 stürmten Kurden das israelische Generalkonsulat. Eigentlich hätte die „Ära Saberschinsky“ 1999 geendet, weil sich der Chef von seiner Behörde aber nicht trennen wollte, verlängerte der damalige Innensenator Eckart Werthebach (CDU) die Amtszeit zwei Mal um jeweils ein Jahr. Schon zu der Zeit gab es zumindest in einem Punkt keinen Zweifel: Saberschinsky war topfit, auch jenseits der 60. Handball, Leichtathletik, Schwimmen, Fünfkampf, Tennis, Laufen – der Sport habe ihn sein ganzes Leben lang begleitet, sagt Saberschinsky. „Die Strapazen in meinem Job hätte ich sonst nie durchgestanden.“

Über seine derzeitigen beruflichen Aktivitäten schweigt Saberschinsky, nur so viel: Nach seiner Pensionierung hat er bei einem Projekt der EU-Kommission in Bosnien-Herzegowina mitgearbeitet, derzeit berät er „einen deutschen Konzern“ in Sicherheitsfragen. Auf seine kilometerlangen Läufe durch die Berliner Wälder hat Saberschinsky auch als Polizeipräsident nicht verzichtet. Nur, dass er damals oft nachts gejoggt sei. Und die Bodyguards mussten mit? „Ach, was“, sagt der Ex-Polizeipräsident. „So schnell wie ich bin!“ Als Saberschinsky losläuft, muss er über seine eigene Angeberei noch lachen – nur die Jungs hinter ihm scheinen zum Spaßen gerade gar nicht aufgelegt zu sein.

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