Berlin : Bühne frei für Bauarbeiter: Varietétheater wiederentdeckt

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Marode. Das Theater. Foto: Doris S.-Klaas
Marode. Das Theater. Foto: Doris S.-Klaas

Der letzte Vorhang fiel schon vor Jahrzehnten, doch jetzt feiert ein vergessenes Varieté ein überraschendes Comeback. In der Gartenstraße in Mitte wurden die „Kolibri-Festsäle und Kabarett“ wiederentdeckt. Unscheinbar in einem Hinterhaus der Gartenstraße gelegen, imponiert das ramponierte dreistöckige Gebäude mit ruinöser Pracht. In das alte Saalgebäude mit einer Theaterbühne, zahlreichen Wandmalereien und meterhohen Räumen fällt wieder Tageslicht. Immobilienunternehmer Dirk Moritz nimmt für sich in Anspruch, das ehemalige Wirtshausensemble wiederentdeckt zu haben. Begonnen hat alles schon im November 2008, als er mit seiner Tochter das nebenan gelegenen Stadtbad Mitte besuchen wollte und auf das halbverfallene Gebäude im Hinterhof der Gartenstraße 6 aufmerksam wurde. Moritz besorgte sich die Schlüssel und fand im zweiten Stock die zu Boden gefallene Gewölbedecke eines Saales. Der Unternehmer aus Prenzlauer Berg nahm die Verhandlungen mit den Eigentümern auf – einer Erbengemeinschaft aus Tschechien, die ihm erlaubte, die meterhohen Räume von dreißig Tonnen Schutt und Müll zu befreien. Und er stellte anhand der Ornamente und Stuckreliefs fest: „Das ist keine Kirche, das ist keine Synagoge, das war ein Ballhaus.“

Auch wenn die Bauakten im Zweiten Weltkrieg verbrannten, ist so viel gewiss: Gebaut hatte die Vergnügungsstätte der Berliner Unternehmer und Baumeister Oscar Garbe. Er plante und erbaute das Haus mit 1200 Quadratmeter Nutzfläche im Jahr 1905. Noch im selben Jahr etablierte sich hier „Fritz Schmidt’s Restaurant und Festsäle“ in der Berliner Ballhausgesellschaft. Noch heute erinnert „Clärchens Ballhaus“ – unweit der Gartenstraße gelegen – daran. Ab dem Jahr 1934 gibt es nach Moritz’ Angaben allerdings keine Hinweise mehr auf einen Gastronomiebetrieb; der Theatersaal geriet in Vergessenheit. Nach dem Krieg wurde Bauschutt in einigen Räumlichkeiten abgekippt. Eine Schlosserei, die sich hier später ansiedelte, nutzte nur das Erdgeschoss. Unternehmer Moritz wäre es am liebsten, wenn sich seine Entdeckung „in Richtung Galerie mit temporärem Wohnen“ entwickelte. Gebaut werden soll ab Ende des Jahres. „Zur Eigentümerstruktur wollen wir aber nichts sagen“, so Moritz – was in der Sprache der Immobilienbranche heißt: „Investoren dringend gesucht“. Reinhart Bünger

Mehr über Vergangenheit und Zukunft des Varieté-Gebäudes lesen Sie morgen im Tagesspiegel-Immobilienteil.

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