Bühnenexperiment : Welttheater im Zelttheater

Das Deutsche Theater in der Schumannstraße wird zwar gerade renoviert, gespielt wird aber trotzdem. Am 28. August wird die Ausweichspielstätte mit Shakespeares "Was ihr wollt“ eröffnet - in einer Art Zirkuszelt mit knapp 500 Plätzen.

Lothar Heinke
Theaterzelt DT
Im DT-Ausweichquartier ist Ende August die erste Aufführung zu sehen. -Foto: Uwe Steinert

Der September ist schon ausverkauft, obwohl (oder weil) das Ganze ein „spannendes Experiment“ ist: „Wir müssen uns jeden Tag etwas Neues einfallen lassen“, sagt Oliver Gerds. Der stellvertretende technische Direktor des Deutschen Theaters trägt diese Einfälle in einer Mappe unterm Arm und blickt ebenso gelassen wie optimistisch auf das neue „Haus“. Es sieht aus wie ein Zirkuszelt mit vier im Winde flatternden Fahnen und steht neben der Mensa-Nord der Humboldt-Universität in der Grünanlage an der Schumannstraße. Gegenüber, auf dem Platz vor dem Deutschen Theater, ist der markante Schriftzug „Verweile doch“ aus Goethes „Faust“ , der in Neonblau durch die Nacht strahlt, von Baucontainern umstellt. Das Theater wird renoviert, aber gespielt wird trotzdem. Eben in dem Ausweichzelt. Wenn das DT ruft, kommen all seine Fans, und wenn Michael Thalheimer Shakespeares „Was ihr wollt“ inszeniert, sowieso.

Nun sind sie alle wieder da, die braungebrannten Mimen, die schönen prominenten Damen und Herren, und am 28. August hat Shakespeares (nur mit Männern besetztes) Stück dann Premiere. Das Zelt ist mit dunklen Holzbänken ausgestattet, die 470 Sitzplätze gruppieren sich im Halbkreis um die mit 180 Quadratmetern ziemlich große, vorhanglose Bühne. Das Zelt mit seinen 28 Metern Breite wirkt schlicht intim, vielleicht haben sie beim Sir William S. ähnlich gespielt, an stählernen Brücken hängen 100 Scheinwerfer unter den Planen. Die Schauspieler haben ihre Garderoben außerhalb, in schnöden Stahlcontainern. Das Zelt ist übrigens Hamburger Ursprungs: Der nächste DT-Intendant Ulrich Khuon vom Thalia-Theater reiste damit schon zu den Salzburger Festspielen oder stellte es im Sommer in der Hafencity auf. Dort gab es 2006 Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Jetzt ist das kleine transportable Theater direkt aus Eppendorf gekommen, wo Calderons „Das Leben ein Traum“ auf dem Spielplan stand. In Berlin folgt dem Shakespeare „Mirandolina“ von Carlo Goldoni, im Oktober gibt es Molières „Tartuffe“, außerdem „Rheingold“ und „Walküre“ als Live-Hörspiel mit Stefan Kaminski. All das ist von einigem Reiz.

Michael Thalheimer aber fragt sich, wie er und sein Ensemble es schaffen, die Zuschauer und das Schauspiel zu konzentrieren: „Uns werden Nebengeräusche wie der Straßenverkehr, der ganze abendliche Lärm behelligen, und wir wissen noch nicht, ob wir trotzdem verständlich bleiben oder ob die Schauspieler Mikroports tragen müssen. Aber jede Einschränkung ist natürlich auch eine Herausforderung.“ Während Shakespeares Verkleidungs- und Versteckspiel draußen vor dem Theater durchs Zelt tobt, wird das Innere des Traditionshauses an der Schumannstraße nicht revolutionär, aber sanft erneuert: Peter Keune, der technische Inspektor, nennt zuerst den Einbau einer Lüftungsanlage, der ersten seit dem Krieg – in vergangenen heißen Sommern bekamen Besucher immer wieder Kreislaufschwierigkeiten.

Im Saal wird Parkett verlegt, knapp 600 neue Stühle, wie die alten ganz in Rot, kommen ins Haus, der Saal erhält eine neue Wandbespannung, die Bühne Podien im Bereich des Orchestergrabens. Nicht nur die Sanitärstränge werden saniert, auch sämtliche Schauspielergarderoben – „alles Sachen, die das ganze Haus aufreißen“. Spätestens am 5. Dezember empfängt das DT wieder seine Zuschauer – zu August Strindbergs „Traumspiel“.

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