Bürgerbewegung : Wilhelmstraße: Feiernde Touristen - genervte Mieter

In der Wilhelmstraße bringen feiernde Touristen die Mieter zur Verzweiflung. Eine Grundstücksgesellschaft macht aus leeren Wohnungen Ferienappartements und soll versuchen, die restlichen Anwohner zu vertreiben.

Jelena Pflocksch (ddp)

BerlinAuf den Hausfluren liegen Matratzen, Putzkolonnen blockieren die Fahrstühle, in den Müllräumen stapeln sich Abfall und Flaschen. Aus den Wohnungstüren dringen laute Musik und Gelächter. Die Namensschilder an den Türen der Häuser entlang der Berliner Wilhelmstraße lassen normale Mieter vermuten, doch verbirgt sich hinter manchen eine ganz andere Art von "Wohnbetrieb": Ferienappartements, in denen Touristen aus aller Welt feiern, lachen, trinken - zum Leidwesen derer, die immer hier leben.

Die Wilhelmstraße in Berlins Mitte unweit des Brandenburger Tors ist nicht nur den Hauptstädtern ein Begriff. Adelspaläste standen hier im 18. Jahrhundert, preußische Regierungsgebäude im 19. Jahrhundert, aus Nazi-Zentralen wurden im 20. Jahrhundert todbringende Befehle verkündet. Im Sozialismus residierten Prominente und Privilegierte - wie Eiskunstläuferin Katarina Witt und SED-Funktionär Günter Schabowski - im Plattenbau nahe der Mauer.

Angezogen von der Lage fühlen sich jetzt auch immer mehr Touristen. Und deshalb fragen sich die ständigen Mieter, wie lange sie noch in der Wilhelmstraße bleiben können. "Vor vier Jahren wurden alle Wohnungen zwischen Behren- und Voßstraße von einer Grundstücksgesellschaft gekauft", berichtet Anwohner Daniel Dagan. Seitdem würden die Mieter systematisch rausgeekelt. Die Strategie der neuen Eigentümer verläuft Dagan zufolge so: "Zieht ein Mieter aus, wird die Wohnung in ein Ferienappartement umfunktioniert. Zieht er nicht aus, muss eben nachgeholfen werden, beispielsweise durch horrende Mieterhöhungen."

Die Hausordnung gilt nicht mehr

Dagan ist Mitinitiator eines Anwohnervereins, der am Donnerstag gegründet werden soll. Gemeinsam wollen sich die Mieter gegen den Druck der Eigentümer sowie gegen die "hotelähnliche Nutzung" der Wohnungen wehren. Einer Erhebung der Initiatoren zufolge werden bereits knapp 30 Prozent der Wohnungen an Touristen vermietet. Die aber hielten sich nicht an die Hausordnung und belästigten zunehmend die Mieter.

"Über mir und neben mir sind die Nachbarn schon ausgezogen", sagt Babett Stern. Die 48-jährige Krankenschwester guckt sich auch schon nach etwas Neuem um. "Zu jeder Tages- und Nachtzeit klingeln die Touristen, weil sie ihre Wohnung nicht finden", erzählt sie. "Letztens hat eine Gruppe aus Skandinavien die halbe Nacht Karten gespielt und lauthals gegrölt, tagsüber sind Kinder in der Wohnung über mir Trampolin gesprungen." Putzkolonnen blockierten die Fahrstühle mit ihren Wagen. "Und das an jedem Tag der Woche, die kommen auch sonntags und saugen um 7:30 Uhr. Das ist nicht mehr zum Aushalten."

Auch Harald und Isolde Bartek fühlen sich zunehmend beeinträchtigt. Das ältere Ehepaar ärgert sich vor allem darüber, dass viele Anwohner höhere Mieten zahlen sollen, obwohl keine Verbesserung der Mietsituation zu sehen sei. "Das Treppenhaus ist ständig verschmutzt und in den Müllräumen stapeln sich die Flaschen, von Mülltrennung erst gar nicht zu reden. Wir haben ja generell kein Problem mit Touristen, aber die überschreiten langsam das Ausmaß des Ertragbaren."

Ist der Abriss der Gebäude geplant?

Die Initiatoren der Bürgerbewegung glauben, dass das eigentliche Ziel der Eigentümer gar nicht die "hotelähnliche Nutzung" der Wohnungen ist. Zwar würden diese damit viel Geld verdienen (eine Nacht kostet laut Werbeprospekt zwischen 55 und 210 Euro), aber letztlich würde der Abriss der Gebäude geplant, um in dem historischen Areal Luxusappartements zu bauen. Zur Verschleierung des derzeitigen "Touribetriebes" ließen die Eigentümer fiktive Namensschilder an den Haustüren anbringen, sagen die Initiatoren weiter. Zudem nutzten sie verschiedene Namen für ihr Unternehmen.

Ähnlich sieht das der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin e.V., Thomas Lengfelder. Er kennt die Probleme der Mieter. "Außerdem erfüllt die Vermietung der Wohnungen an der Wilhelmstraße nicht die Regularien eines Hotel- oder Beherbergungsbetriebes", sagt er. Teilweise würden 15 Personen oder mehr in einem Appartement "wohnen", moniert Lengfelder. Auflagen wie Brandschutzverordnung oder Meldegesetz würden missachtet. Auch er gehe davon aus, dass das Ziel der Eigentümer ist, die noch übrigen Mieter zu vertreiben.

Die Grundstücksgesellschaft B.Ä.R. verweist an ihren Rechtsanwalt und Sprecher. Dieser war für eine Stellungnahme jedoch auf mehrfache Anfrage nicht zu erreichen. Im Büro der Appartementvermietung will man von den Problemen der Mieter noch nie etwas gehört haben. Eine Angestellte sagt: "Das ist mir nicht bekannt, dass sich die Anwohner von den Touristen belästigt fühlen."

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