Bürgerengagement : Selbst sind die Eltern von Prenzlauer Berg

Sie sind viele und sie sind engagiert: die jungen Familien um den Kollwitzplatz. Sie packen an, wenn die Behörden versagen.

Daniela Martens
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Eingespielte Teams: Junge Familien in Prenzlauer BergFoto: dpa

Die Zukunft will ein Brötchen. Der Vater holt eine Bäckereitüte aus dem Rucksack und gibt sie seinem Sohn. Die beiden sitzen in der letzen Reihe des großen Saals im Pankower Bezirksamt. Vor ihnen: viele andere Kinder, Mütter, Väter. Hinter ihnen: eine Wand voller Pappschilder. „Wir sind die Zukunft“, steht darauf.

Jetzt läuft der Sohn hinaus, der Vater konzentriert sich auf das, was vorn im Saal passiert: Eine Frau mit einem geflochtenen Zopf tritt im T-Shirt ans Mikrophon. „Ich spreche hier im Namen der politisch aktiven Eltern“, sagt Eva Schmitt. Sie redet über fehlende Schulplätze für Erstklässler, zu lange Schulwege, Geschwisterregelungen und Kapazitätserweiterungen von Grundschulen.

Außerordentliche Versammlung der Pankower Bezirksverordneten. Auf der BVV-Tagesordnung steht also die Zukunft – oder auch: die Kinder. Und davon gibt es hier in Prenzlauer Berg wesentlich mehr als in anderen Stadtteilen, Tendenz stark steigend. Das gilt vor allem für die Gegend rund um den Kollwitz- und Helmholtzplatz. Bis 2012 werden die Schülerzahlen um 50 Prozent steigen. An einigen Schulen werden bis zu 90 Prozent der Schulkinder Nachmittags im Hort betreut. Im restlichen Berlin sind es 30 bis 50 Prozent.

Eltern wie Eva Schmitt werfen den Behörden vor, dieses Phänomen verschlafen zu haben. Was die gar nicht bestreiten. „Wenn sich in der Demografie etwas ändert, dauert es meistens länger bis die Politik darauf reagiert“, sagt Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztanzowicz (SPD). Die Schulplätze reichen nicht aus, die Hortsituation ist unsicher. Deshalb nehmen die Eltern die Sache selbst in die Hand. Sie demonstrieren, gründen Initiativen, veröffentlichen Blogs im Internet, sprechen mit Politikern und einige klagen vor Gericht um Schulplätze für ihre Kinder in besonders nahegelegenen oder besonders guten Schulen – so wie in anderen Bezirken auch. Doch in Prenzlauer Berg gibt es eben besonders viele, besonders engagierte Eltern. „Sie haben die Arbeit der Verwaltung übernommen und gleichen deren Versäumnisse aus“, sagt CDU-Kommunalpolitikerin Manuela Anders. Und die Stadträtin pflichtet ihr bei: „Der Protest hat Gutes geleistet.“

Ganz offensichtlich sind die Eltern mit ihrem Protest auf Erfolgskurs: Schülerläden dürfen vorerst bleiben. Außerdem erstritten sie zwei zusätzliche erste Klassen an der Kollwitzschule und der Schule an der Marie – trotz des Platzmangels. Den Fall der Thomas-Mann-Schule diskutierte die Schulstadträtin am vergangenen Dienstag mit den Eltern. Das Ergebnis befriedigte sie allerdings nicht: Die Schulrätin will über eine Filiale nachdenken, allerdings relativ weit entfernt an der Senefelder Straße.

Die bisherigen Erfolge wurden möglich, weil die Eltern viele Politiker für ihre Probleme interessieren konnten – besonders bei den Grünen. In Prenzlauer Berg leben ihre treusten Wähler, die Partei lag hier bei den letzten Abgeordnetenhauswahlen vorn, ihre beiden einzigen Direktmandate wurden hier vergeben, eins davon an den Fraktionsvorsitzenden Volker Ratzmann. Der Rechtsanwalt vertritt mehrere Eltern vor Gericht. „Prenzlauer Berg zeigt exemplarisch, wie sich Berlin nach vorn bewegen sollte“, sagt Ratzmann. Das starke Bürgerengagement mache den Bezirk zu etwas Besonderem. Und das nicht nur in Bezug auf das Schulproblem. Einsatz zeigen die Bewohner ebenfalls bei der Mitgestaltung des Mauerparks – auch Eva Schmitt ist hier dabei. Ratzmann spricht begeistert von der „Solidarität und dem Miteinander“ der Bewohner. „Hier ist es vielen wichtig, dass der Nachbar nicht durchs soziale Rost fällt.“

Ratzmann steht hinter den Eltern – auch in der Frage der „Nichteinzugsgebietsgeschwister". Diese sperrige Vokabel hat Eva Schmitt in ihrer Rede im BVV-Saal verwendet. Ihre Jüngste, die fünfjährige Luna ist eins dieser Kinder. Sie wurde an der Thomas-Mann-Grundschule abgelehnt, obwohl die beiden älteren Geschwister dorthin gehen. Sie wohnen nur gut fünf Minuten zu Fuß entfernt, allerdings auf der falschen Seite der Schönhauser Allee. Nach ihrem Auftritt sitzt Diplompsychologin Eva Schmitt in ihrer roten Küche. Die fünfjährige Luna Rahel möchte unbedingt sagen, wie „doof“ sie es fände nicht auf die Thomas-Mann-Schule wie ihre Geschwister zu gehen. Aber sie traut sich nicht vor Fremden und flüstert es ihrer großen Schwester Lea Zora ins Ohr. Sie sagt dann: „Und ich habe Angst, dass Mama sich dadurch nicht genug um mich kümmern kann, wenn ich im Herbst auf die Oberschule komme.“

Wenn es nach der Schulbehörde geht, werden alle drei Kinder dann auf verschiedene Schulen gehen. Das bedeutet für ihre Mutter: Drei Elternabende, drei Elternvertretungen, drei Schulwege. Von der besonderen sozialen Härte für Alleinerziehende, hat Eva Schmitt in ihrer Rede gesprochen. Von Überforderung, Arbeitsplatzverlust und Schulversagen. „Es muss etwas passieren. Hier geht es nicht etwa um Luxusprobleme. Unsere Kinder brauchen Schulen in ihrer Nähe, nicht irgendwo weit entfernt“, sagt auch die zweifache Mutter Kerstin Jahnke. Gerade wegen der kurzen Wege lebten so viele junge Familien in Prenzlauer Berg. „Hier ist das Modell möglich, bei dem beide Eltern arbeiten – im Vorort weniger.“

Bei der BVV hat Kerstin Jahnke sich einen Platz weit vorne gesucht, später sitzt die 40-Jährige in einem Café in der Nähe der Danziger Straße. Dort soll 2008 eine neue Grundschule entstehen. Doch das ist zu spät für die rund 120 Kinder, die in diesem Jahr an den drei Schulen rund um Helmholtz- und Kollwitzplatz abgewisen wurden. Dass die Schule nicht noch ein Jahr später eröffnet wird, ist unter anderem Kerstin Jahnke zu verdanken. Die Stadtplanerin ist Elternsprecherin der Kita „Flohkiste“ und gehört zu den 70 Mitgliedern der Elterninitiative. Die richtete einen Forderungskatalog an die Schulstadträtin Zürn-Kasztanzowicz: zusätzliche Grundschulen, Grundschul-Messen, Qualitätskontrolle, Mitbestimmung der Eltern, eine behutsame Neustrukturierung der Einzugsgebiete. Viele der Forderungen gingen in den interfraktionellen Antrag ein, den die Bezirksverordneten eine halbe Stunde nach Eva Schmitts Rede einstimmig annehmen. Die Geschwisterregelung allerdings wurde auf Wunsch der Linkspartei gestrichen.

Weder das Geschwisterproblem noch eine der anderen Schwierigkeiten berührt Kerstin Jahnke unmittelbar. Ihre Tochter ist erst drei. Ihrem Sohn wurde ein Platz in an der Kollwitzschule zugelost. Trotzdem sieht sie es als ihre Aufgabe an, die Verantwortlichen daran zu erinnern, „was getan werden muss“. In der nächsten Zeit will sie mit auf die Umsetzung der BVV-Beschlüsse achten, etwa, ob es mit der Grundschule an der Danziger Straße vorangeht. Besonders wichtig aber ist ihr, dass das Losverfahren bei der Verteilung der Schulplätze nicht wieder angewendet wird: „So darf keine Zukunftsentscheidung für Kinder getroffen werden.“

Ähnlich sehen das auch Michael Alter und Cornelia Dexel. „Wir haben es nicht übers Herz gebracht, unserem Sohn Felix von der Ablehnung der Thomas-Mann-Schule zu erzählen.“ Sie haben wie viele andere Eltern Klage eingereicht. Jetzt wird die Rechtmäßigkeit des Losverfahrens vor Gericht geprüft. Ihre Situation finden sie „absurd“ – sie wohnen direkt gegenüber der Schule. Der Fünfjährige steht oft mit dem neuen Ranzen auf dem Rücken am Fenster und sagt stolz: „Das ist meine Schule!“

Auf dem antiken Tisch im Esszimmer der beiden Architekten liegt ein Auszug aus dem Schulgesetz, den Paragraphen 54 kann Cornelia Dexel fast auswendig: Darin heißt es, dass die Erziehungsberechtigten eines abgewiesenen Schülers angehört werden müssen. Das sei nie geschehen. Und dann ist da noch von einem altersangemessenen Schulweg die Rede. Doch was genau bedeutet das? Auf der hellgrauen Kopie eines Stadtplans haben die beiden eine lange rosa Linie eingezeichnet, fast einen Kilometer ist es bis zur Carl-Humann-Schule. Dorthin soll Felix nach dem Willen der Behörden vom Herbst an jeden Morgen gehen: 20 bis 30 Minuten brauche ein Kind dafür, sagt Cornelia Dexel. Und Felix muss mehrere befahrene Straßen überqueren.

Der siebenjährige Enzo hat andere Probleme. Er geht schon auf die beliebte Grundschule an der Marie und nachmittags in den Schülerladen „Blechkuchen“. Doch der sollte aufgelöst und der Hort an die überfüllte Schule an der Marie verlegt werden – dabei hatte die Schule nicht einmal genug Platz für alle angemeldeten Erstklässler. Ein Raum pro Klassenstufe wurde für die Horte geplant. Das wären bis zu 100 Kindern in einem Zimmer gewesen – eine Fehlplanung. „So etwas macht mich wütend“, sagt Enzos Stiefvater Martin Jablonski. „Ich will, dass die Leute ihren Job machen. Das erwartet man doch auch von mir.“

Also machte er – Mitinhaber einer Agentur für Unternehmenskommunikation – den Job für die Schülerläden gratis. Er druckte Flyer, Plakate, richtete einen Blog ein, rief zur Demo auf… Mit Erfolg: Die Verträge der Schülerläden mit Bezirk und Senat wurden verlängert. Nachmittagsbetreuung ist für Jablonski ein wichtiger Teil der Bildung. Doch er traut dem Frieden noch nicht so ganz: „ Ich habe Angst, dass der Senat die Verträge wieder kündigt, sobald die Sache in Vergessenheit geraten ist.“Also will er den Blog im Interbet weiter pflegen, und sei es nur, um die Eltern über den neuesten Stand zu informieren.

Die Zukunft kann kommen – in die Schulen und in die Horte. Die Eltern aus Prenzlauer Berg werden ihr schon den richtigen Weg weisen.

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