Berlin : Bürgermeister wider Willen

Wie die Rote Armee schon vor Kriegsende in den Bezirken die Nachkriegszeit organisierte

Lars von Törne

Sein Amt traf Georg Schulze unverhofft. Einen Tag, nachdem die Rote Armee am 25. April 1945 in Zehlendorf einmarschiert war, kamen zwei Russen zu dem Landwirt und verlangten etwas zu essen. Sein Haus erschien den Besatzern als geeignet für ihre Kommandantur. Als der Kommandant Georg Schulze kennen lernte und feststellte, dass dieser sich im Bezirk auskannte und auch sonst offenbar ganz firm wirkte, ernannte er den 58-Jährigen kurzerhand zum Bezirksbürgermeister. Schulzes Einwände, dass er keine Erfahrung habe, wies der Russe zurück: Die Deutschen könnten doch alles.

Dieser Bericht des Bürgermeisters wider Willen findet sich in einer Broschüre des Heimatvereins Zehlendorf über das Kriegsende. Geschichten wie die von Georg Schulze, der über Nacht vom Bauern zum Bürgermeister wurde, könnte man aber auch aus den meisten anderen Bezirken erzählen. Zwischen den ersten Eroberungen am 24. April und dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 ernannten russische Kommandanten Dutzende von Deutschen zu Bürgermeistern und Stadträten, um die frisch besetzten Stadtteile verwalten und wiederaufbauen zu helfen.

Die ersten Posten wurden in Weißensee, Lichtenberg, Köpenick, Treptow und eben Zehlendorf besetzt. Ende April folgten die meisten anderen Bezirke, bis auf die bis zum Schluss umkämpfen Viertel im Westen und im Zentrum. Allzu wählerisch konnten die Russen nicht vorgehen, wie der Historiker Siegfried Heimann weiß, der das Thema für die Ausstellung „Berlin 1945“ aufgearbeitet hat, die am 3. Mai in der Zitadelle Spandau eröffnet wird: „Die Bezirkskommandanten mussten gleichzeitig kämpfen und die Verwaltung organisieren – da nahmen sie manchmal jeden, der ihnen über den Weg lief.“

Georg Schulze zum Beispiel berichtet, dass der sowjetische Kommandant ihn aufforderte, sich Mitarbeiter zu suchen, die keine Nazis sein dürften. Auf Schulzes Erwiderung, dass sowohl er selbst als auch die meisten anderen in Frage kommenden Männer in der NSDAP gewesen waren, reagierte der Russe pragmatisch: Er dürfe beschäftigen, wen er will, solange sie keine Sabotage betrieben, sich nicht politisch betätigten und keine SS-Angehörigen in ihren Reihen hätten.

Die Platzierung kommunistischer Vertrauensleute, die später zum Grundprinzip der sowjetisch gesteuerten politischen Neuordnung gehörte, spielte in dieser Übergangsphase zwischen Krieg und Nachkrieg eine untergeordnete Rolle. Allerdings waren die Posten oft auch nur von begrenzter Dauer: So wurde Georg Schulze schon nach 13 Tagen durch einen anderen Bürgermeister ersetzt; die Gründe dafür sind unbekannt.

Zu den Deutschen, die den Russen das Nachkriegsleben organisieren halfen, gehörte auch der Vater von Gregor Gysi. Der PDS-Politiker, dessen Familie damals bei den Großeltern in Schlachtensee untergekommen war, schreibt in seinen Erinnerungen: „Nach der Befreiung wurde er (der Vater) als stellvertretender Bürgermeister für Ordnung und Sicherheit in Zehlendorf eingesetzt und von den Amerikanern entlassen, weil er Kommunist war.“ Die Westalliierten übernahmen die westlichen Bezirke im Juli 1945. Ob Gysis Vater tatsächlich „stellvertretender Bürgermeister“ war, daran haben Experten allerdings Zweifel. „Er kann höchstens Unterbezirksleiter gewesen sein“, sagt Benno Carus vom Heimatverein Zehlendorf. Als solcher könne er in der Tat für Aufräumarbeiten und die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung zuständig gewesen sein.Die wichtigsten Aufgaben der kommissarischen Bürgermeister und ihrer Mitarbeiter bestanden in den letzten Kriegstagen darin, die Seuchengefahr zu bannen, die Ernährung der Bevölkerung zu koordinieren und die Wasser- und Stromversorgung wiederherzustellen. Das war oft nur sehr beschränkt möglich, zumal sich die letzten deutschen Einheiten an einigen Brennpunkten noch bis zum 2. Mai 1945 erbitterte Schlachten mit der Roten Armee lieferten.

Dennoch gelang den Bezirksbürgermeistern und ihren Mitarbeitern einiges. Schulze berichtet, wie er zahllose Leichen bestatten ließ, wie er Ingenieure auftat, die das zerstörte Wasser- und Stromnetz notdürftig reparieren halfen, und wie er die knappen Lebensmittel verteilen ließ. Zwei Scheiben Brot pro Tag und Kopf.

Die Polizeiaufgaben blieben während dieser Zeit jedoch in den Händen der Roten Armee, und so gelang eines den Bürgermeistern nicht: die dauernden Vergewaltigungen und Plünderungen durch russische Soldaten zu beenden. Immerhin ließ der Zehlendorfer Bezirkskommandant nach einigen Tagen Besatzung eine Polizeistation einrichten, deren Mitarbeiter „sehr energisch gegen ihre Kameraden vorgingen“, wie Schulze schreibt. Ganz unterbunden wurden Plünderungen und Vergewaltigungen zwar weiter nicht, aber zumindest eingeschränkt.

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