Bürgermeisterinnen in Berlin : Bald werden vier Bezirke von Frauen regiert

In Berlin werden drei Bezirke von Frauen regiert, bald gehört Neukölln dazu. Franziska Giffey soll Heinz Buschkowsky beerben. Doch spielt Geschlecht eine Rolle? Ja, sagen die Bürgermeisterinnen.

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Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) soll die Nachfolgerin von Heinz Buschkowsky werden.
Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) soll die Nachfolgerin von Heinz Buschkowsky werden.Foto: dpa/picture-alliance

Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) soll Heinz Buschkowsky beerben – dann steht eine weitere Frau an der Spitze eines Bezirks. Giffey wird Berlins vierte amtierende Bezirksbürgermeisterin, nach Angelika Schöttler (SPD) in Tempelhof-Schöneberg, Monika Herrmann (Grüne) in Friedrichshain-Kreuzberg und der eben erst in Lichtenberg ins Amt gekommenen Birgit Monteiro (SPD). Im Falle von Buschkowsky und Giffey bedeutet das auch einen Generations- und Stilwechsel. Während Buschkowsky mühelos nicht nur Säle füllte und unterhielt, sondern sich auch leutselig und volksnah zeigte, ist bei seiner designierten Nachfolgerin nicht so leicht vorstellbar, wie sie am Bierstand auf Tuchfühlung mit dem Volk geht.

Amtskollegin Monika Herrmann (Grüne) erinnert sich noch an ihre Zeit als Sprecherin des früheren Bausenators Peter Strieder (SPD): „Damals im Bierzelt – der Chef zieht das Jackett aus, lockert den Krawattenknoten, krempelt die Ärmel auf und trinkt Bier mit den Leuten. Können Sie sich das bei einer Frau vorstellen? Undenkbar.“ Von Frauen erwarte man anderes. Wenn eine Frau laut, fordernd oder sogar auftrumpfend sei, müsse sie eher mit einem heftigen Shitstorm rechnen. Vom Männern werde ein solches Verhalten dagegen erwartet.

Über Franziska Giffey äußerte Herrmann sich positiv. „Ich kenne sie als Kulturstadträtin und fand sie sehr kompetent. Sie ist pragmatisch und sympathisch und war nie schlecht vorbereitet“, sagt Herrmann. „Ich denke, mit ihr wird es weniger Ankündigungspolitik geben. Dafür wird vielleicht mehr einfach erledigt.“

Die 36-Jährige, blond, helle Stimme, könnte im neuen Amt die Erfahrung machen, dass sie sich Respekt erst verschaffen muss, wo er Männern selbstverständlich entgegengebracht wird. Buschkowsky jedenfalls hat den Amtswechsel gut vorbereitet und Giffey in den vergangenen Jahren als Nachfolgerin aufgebaut. Er war ein Bezirks-, fast kann man sagen: Dorfpolitiker vom alten Schlage, ähnlich wie Konrad Birkholz (CDU) in Spandau, der dort 16 Jahre lang Bürgermeister war, bevor er 2011 von Helmut Kleebank (SPD) abgelöst wurde. Buschkowsky hat in seiner Amtszeit gezielt Frauen gefördert, auch für Führungspositionen. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich und wird ihm von einigen in seinem Rathaus hoch angerechnet.

Unter den Berliner Bezirksbürgermeisterinnen ist Angelika Schöttler die dienstälteste. Im November 2011 löste sie ihren Vorgänger Ekkehard Band (SPD) ab, der den Bezirk zehn Jahre lang regiert hatte. Schöttler freut sich über den baldigen weiblichen Neuzugang. „Wir sind jetzt auf einem guten Weg, auch wenn das Ziel natürlich ist, die Hälfte aller Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zu stellen“, sagt die 52-Jährige. Zu Beginn der Legislaturperiode sei sie die einzige Frau im Rat der Bürgermeister gewesen; jetzt, mit den Kolleginnen, sei es schöner.

Die Justiz hat mehrheitlich Gerichtspräsidentinnen

Frauen hätten einen anderen Blick auf die Welt, meint Schöttler. Das Miteinander habe einen höheren Stellenwert als bei Männern, und Frauen seien auch kommunikativer. Es gehe ihnen weniger um die Macht als um die Möglichkeit, etwas damit anzufangen. Zum Gestalten benötige man eben Macht. Die sei dann aber Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Buschkowsky habe sie in ihrer Zeit als Bürgermeisterin schätzen gelernt: „Er hat immer direkt gesagt, was er dachte, man musste nicht rätseln, wie etwas gemeint war – das hat mir gefallen“, sagt Schöttler.

Auch abseits der Politik finden sich immer mehr Frauen in wichtigen Positionen, vor allem im öffentlichen Dienst und in staatsnahen Betrieben. Sehr weit ist die Justiz: Die meisten Gerichtspräsidenten sind in Berlin mittlerweile weiblich. Sabine Schudoma leitet das Sozialgericht und den Verfassungsgerichtshof, Monika Nöhre das Kammergericht, Erna Viktoria Xalter das Verwaltungsgericht, Bärbel Klumpp das Arbeitsgericht, Ursula Hantl-Unthan das Landesarbeitsgericht. Das Oberverwaltungsgericht hat mit Dagmar Merz immerhin eine Vizepräsidentin.

Frauen besetzen wichtige Chefposten

Frauen besetzen wichtige Chefposten bei Verkehr, Müll, Rundfunk, Gesundheit und Finanzen: Die BVG hat seit 2010 eine Chefin, die 45-jährige Sigrid Nikutta. Sie hat die schlechte Wirtschaftslage des öffentlichen Unternehmens in kurzer Zeit verbessert; ihr Vertrag wurde vorzeitig verlängert. Erfolgreich war auch Vera Gäde-Butzlaff, die seit 2007 die BSR führte. Die Bilanz der 60-Jährigen war glänzend, als sie Ende des vergangenen Jahres ging, um nochmal etwas Neues anzufangen. Beerbt wurde sie von der 42-jährigen Tanja Wielgoß.

Dagmar Reim ist seit 2003 Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Seit einem knappen Jahr hat auch Vivantes eine Chefin: Im März 2014 kam Andrea Grebe auf den Posten, den sie schon seit Oktober 2013 kommissarisch innehatte. Und auch die Berliner Bank wird von einer Frau geführt: Die Chefin heißt seit anderthalb Jahren Stefanie Salata. Wie viel Prozent der Führungspositionen in Berlin mit Frauen besetzt sind, kann der Senat nicht sagen.

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