Bürgerplattform : 100 Nationen, 40 Vereine - eine Gemeinschaft

Eine bunte Mischung: Die Bürgerplattform Wedding/Moabit will die Kräfte vieler Initiativen bündeln. Nach zweijähriger Vorarbeit wurde sie am Dienstagabend gegründet.

Rita Nikolow
wedding moabit
Für mehr Lebensqualität. Auch mit der Turmstraße wird sich die neue Bürgerplattform Wedding/Moabit sicher einmal beschäftigen. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Stimmung erinnerte an eine amerikanische Wahlkampfveranstaltung. Mit einem Unterschied: Bei der Gründungsveranstaltung der Bürgerplattform Wedding/Moabit gab es keinen Präsidentschaftskandidaten.

Die 1100 Besucher, die am Dienstagabend in die Universal Hall in Moabit gekommen waren, feierten sich selbst, ihre Vielfalt und ihr Engagement. Alte und Junge waren gekommen, Religiöse und Atheisten, Akademiker und Menschen ohne Schulabschluss, Berliner aus mehr als 100 Nationen.

Was die Bürgerplattform sein will und tun kann, beschrieb die Künstlerin Azize Karagülle so: „Wir wollen eine dritte Kraft sein, ein starker Ansprechpartner neben Politik und Wirtschaft.“ Azize Karagülle ist Mitglied bei „Kümmer Dich“, einem wohltätigen Verein, der zu den 40 Gruppen der Plattform gehört: Moscheevereine sind darunter, Kirchengemeinden und andere religiöse Zentren, aber auch Müttergruppen, Kitas und ein Selbstständigenverband. Sie alle wollen sich engagieren – als große Gruppe, die Kontakt zu Entscheidungsträgern aufnimmt und diese zu Gesprächen einlädt.

Mehr als zwei Jahre hat es gedauert, bis die Gruppen tatsächlich zu einer Plattform zusammengewachsen sind. Einen richtigen Vorsitzenden gibt es nicht, dafür eine Koordinatorin: Susanne Sander vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) an der Berliner Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen. Das Institut beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Gemeinschaften so organisierten lassen, dass sie gut zusammenarbeiten. Ursprünglich kommt die Idee des „Community Organizing“ aus den USA, doch sie ist längst in Deutschland ankommen.

In Schöneweide zum Beispiel hat sich schon vor sechs Jahren eine Plattform gegründet, die „Organizing Schöneweide“ heißt. Ines Schilling hat sich dort von Anfang an engagiert – und machte in ihrer kurzen Ansprache klar, dass viel Übung nötig ist, um gegenüber Politikern als gleichberechtigter Ansprechpartner aufzutreten.

Für welche Themen sich das Bündnis besonders engagieren will, erklärten einige Mitglieder an persönlichen Beispielen: Der arbeitslose Bäcker Selcuk Saydem zum Beispiel will sich vor allem für Bildung engagieren, weil er selbst nach der zwölften Klasse die Schule abbrechen musste, um im elterlichen Betrieb zu helfen – den er dann Anfang 2008 schließen musste.

Abdallah Hajjir vom „Haus der Weisheit“ beschrieb die Schwierigkeiten vieler Migranten, einen Hartz-IV-Antrag auszufüllen: Weil diese schwer zu verstehen und häufig missverständlich seien. Viele Migranten kämen damit zu ihm. „Und auch mich bringen die Anträge regelmäßig ins Schwitzen“, sagte Hajjir.

Organisiert wird die Bürgerplattform unhierarchisch. Ein Strategieteam, dem alle Interessierten beitreten können, trifft sich zweimal im Monat und berät die nächsten Schritte. Die werden dann vom sogenannten Kernteam angenommen oder abgelehnt. Im Kernteam sind alle Vereine mit einer Stimme vertreten.

Angetan von der Stimmung im Saal, dem langen Applaus und der Bürgerplattform im Allgemeinen war auch der bekannteste Besucher an diesem Abend: Cem Özdemir, der neue Bundesvorsitzende der Grünen. „Das könnten wir in Kreuzberg auch gebrauchen“, sagte er.

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