Bürgerprotest in Prenzlauer Berg : Kastanienallee: Aufstand gegen K 21

Der Streit um den geplanten Umbau der Kastanienallee nimmt an Schärfe zu. Sollte es keine Bürgerbefragung geben, planen die Umbaugegner einen „Tag des Zorns“.

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Die Kastanienallee soll umgebaut werden.Derzeit teilen sich Auto- und Radfahrer die Straße mit den Straßenbahnlinien 12 und M1. Die Straßenbahnschienen sind gerade für die Radfahrer eine Gefahr. Foto: Paul ZinkenWeitere Bilder anzeigen
Foto: Paul Zinken
13.05.2011 14:11Die Kastanienallee soll umgebaut werden.Derzeit teilen sich Auto- und Radfahrer die Straße mit den Straßenbahnlinien 12 und M1....

Noch ist es zu kalt für die Protestbäume, aber sie werden kommen. Sobald der Boden aufgetaut ist, will Matthias Roeingh alias Dr. Motte zwei Kastanien direkt vor seiner Haustür pflanzen. Er hat sich erkundigt: Das Pflanzen von Bäumen im öffentlichen Raum stelle keine Straftat dar, seinem Vorhaben stehe also nichts im Wege, sagt der Loveparade-Gründer.

Gut möglich, dass Roeinghs Protestbäume nicht lange stehen werden. Denn sobald es wärmer wird, sollen auch die Umbauarbeiten an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg beginnen. Bereits im November wurden erste Absperrungen aufgebaut, aber wegen des Schnees konnte es nicht weitergehen. Die Vorbereitungen gaben eine Vorahnung auf das, was Anwohner und Gewerbetreibende in den kommenden zwei Jahren erwartet: Für 1,5 Millionen Euro werden Fahrbahn und Gehwege saniert. Die Planung sieht schmalere Bürgersteige mit eingelassenen Parkbuchten sowie einen separaten Fahrradstreifen vor. Bislang müssen sich die Radler mit dem Platz zwischen den Tramgleisen begnügen, allmählich verblassende Piktogramme weisen darauf hin.

Die Pläne des Bezirks sind umstritten, es gab Proteste. Entlang der Straße kleben Plakate, die gegen die Pläne mobilisieren. Sechs Bürgerinitiativen befassen sich mit dem bevorstehenden Umbau. Zwei von ihnen wollen auf der nächsten Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung an diesem Mittwoch Anträge einbringen, die eine Anwohnerbefragung zum Ziel haben.

„Stoppt K 21“ nennt sich eine der Initiativen, in Anlehnung an die Protestbewegung in Stuttgart. Der Umbau gehe auf Kosten der Aufenthaltsqualität und des Fußgängerverkehrs, befürchten die Initiatoren. „Er verfehlt darüber hinaus auch sein erklärtes Hauptziel, die Situation der Fahrradfahrer zu verbessern“, heißt es im Antrag. Die würden durch die Pläne an den Fahrbahnrand gedrängt, was für sie noch gefährlicher sei. Als Alternative schlagen die Verfasser die Ausweitung der Fahrradpiktogramme vor.

Ein Bezirksverordneter habe sogar eine Morddrohung erhalten, sagt der Stadtrat

Till Harter ist einer der Unterstützer von „Stoppt K 21“. Es sei nicht hinnehmbar, dass der Umbau gegen den Willen der Anwohner durchgesetzt wird, sagt der 40-Jährige. Er betreibt in der Kastanienallee das „103“. Die Bar befindet sich in dem Teilabschnitt der Straße, der zum Bezirk Mitte gehört und der von den bevorstehenden Bauarbeiten nicht betroffen ist. Trotzdem ist Harter gegen den Umbau. Vor 20 Jahren kam er aus Freiburg hierher, zog in die Kastanienallee. Ihn habe das Runtergekommene der Straße gereizt, „das Schiefe“. Nach dem Umbau, fürchtet Harter, könnte die Flaniermeile ihren Charme verlieren. „Aus der Kastanienallee soll eine Straße gemacht werden, wie man sie in jeder westdeutschen Kleinstadt finden kann.“

Unterstützt wird Till Harter von Matthias Aberle. Der 50-jährige Filmemacher gründete 2005 die Bürgerinitiative Wasserturm, die sich gegen die Abholzung von Bäumen auf dem Platz in der Nähe der Kollwitzstraße einsetzte. Nun engagiert sich Aberle gegen den Umbau der Kastanienallee; nebenbei dreht er eine Dokumentation über die Proteste. Das 2009 durchgeführte Bürgerbeteiligungsverfahren hält er für eine „Gnadengeste“. Anregungen und Alternativvorschläge seien kaum berücksichtigt worden. „Im Prinzip ist die Situation jetzt emotional aufgeladener als vor der Bürgerbeteiligung“, sagt Aberle. Deshalb lädt er am Montag ab 20 Uhr gemeinsam mit Harter ins „103“ – dort sollen die Ziele von „Stoppt K 21“ erneut beworben werden.

Es gibt aber auch Menschen, die den Umbau der Kastanienallee befürworten. Eine Anwohnerin, die gerade umständlich einen Kinderwagen durch die Haustür bugsierst, hält die Reparatur der Gehwege für dringend erforderlich. „Hier reiht sich ein Schlagloch an das nächste, da muss man schon genau aufpassen, wo man hinläuft.“ Und ein Fahrradfahrer begrüßt die Idee eines separaten Radstreifens. Schon mehrfach habe er beobachtet, wie Radler in die Straßenbahnschienen geraten seien. Zudem würden sich Autofahrer oft unachtsam und aggressiv verhalten, offensichtlich weil sie die blassen Straßenmarkierungen übersehen.

Der zuständige Bezirksstadtrat, Jens-Holger Kirchner (Grüne), sagt, er sei auf weitere Auseinandersetzungen vorbereitet. Ob der Anwohnerbefragung zugestimmt wird, kann er nicht beurteilen: Die Beratungen in den Fraktionen stünden noch bevor. Kirchner erwartet jedoch „eine heftige Debatte“. Er kritisiert, dass die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Bezirk eine zweifelhafte Qualität erreicht habe. Es seien Steckbriefe ausgehängt und Verleumdungen verbreitet worden, ein Bezirksverordneter habe sogar Morddrohungen erhalten. Für Mai planen die Umbaugegner einen „Tag des Zorns“, sollte es keine Bürgerbefragung geben. „Ich finde das nicht mehr witzig, denn das ist meines Erachtens eine Grenzüberschreitung. Haben die denn alle ein Rad ab?“

Kirchner vermutet, dass hinter den Protesten kommerzielle Interessen stecken. Viele Gewerbetreibende hätten Angst, dass ihre Kundschaft während der Umbauzeit in andere Bezirke abwandert. Der öffentliche Raum sei aber für alle da, nicht nur für die Gewerbetreibenden und ihre Gäste, sondern auch für Anwohner und Straßenverkehrsteilnehmer. Auch Rollstuhlfahrer hätten das Recht, sich barrierefrei durch die Straße bewegen zu können.

Das Vorhaben habe nicht nur eine Beschleunigung des Verkehrs auf Kosten der Fußgänger zur Folge, entgegnen Kritiker, es sei auch ein Stückwerk. Die Maßnahmen betreffen nur den Teil der Kastanienallee, der sich in Prenzlauer Berg befindet. Das Stück in Mitte, ab Höhe Schwedter Straße, wird vorerst nicht saniert. „Eines der Hauptargumente für den Umbau – mehr Sicherheit für die Fahrradfahrer – wird damit ad absurdum geführt“, sagt Till Harter. Wenige Meter weiter sei den Beteiligten die Radlersicherheit offenbar egal.

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