Bürgerrechtlerin : Sanfte Revolutionärin

Ulrike Poppe gehörte zu den Gründern der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ in der DDR. Mit zivilem Ungehorsam provozierten sie das System schon Jahre vor dem Mauerfall.

Werner van Bebber
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Eine Geschichte fürs Leben. Ulrike Poppe engagierte sich bereits Jahre vor dem Mauerfall als Oppositionelle in der DDR. Den Weg in...Foto: David Heerde

Der Stammtisch der Revolutionäre steht noch immer im „Metzer Eck“. Ulrike Poppe, die vor 20 Jahren mit vielen anderen das Regime der DDR zum Kippen brachte, wohnt noch immer im selben Kiez wie 1989 und trifft im „Metzer Eck“ Freunde von früher, die Freunde geblieben sind. Unter der runderneuerten, generalrenovierten Oberfläche von Prenzlauer Berg und ganz besonders der Gegend um den Wasserturm ist nicht alles anders geworden nach dem Untergang der DDR. Das Metzer Eck, sagt Poppe, sei damals die beliebteste „Ein-Uhr- Kneipe“ gewesen – auch und gerade Bürgerrechtler haben gern gefeiert. Ein paar hundert Meter entfernt wohnt die Frau, die damals Geschichte mit gemacht hat, in einem Altbau mit hohen Regalen voller Bücher und einem Bild von Don Quichote an der Wand. Manchmal hat auch der Ritter von der traurigen Gestalt, der so viele Kämpfe verloren hat, Erfolg – im Jahr 1989 war das so.

Ulrike Poppe ist Studienleiterin der Evangelischen Akademie zu Berlin. Sie befasst sich, logisch, mit deutscher Zeitgeschichte. Der „Munzinger“, das Nachschlagewerk der wichtigen, wenn auch nicht immer prominenten Leute, führt sie als „Politikerin und Bürgerrechtlerin“. „Politikerin“ – das ist ihre Sache nicht mehr, als solche fühlt sich die Frau mit dem zurückhaltenden Lächeln sicher nicht. Und auch die „Bürgerrechtlerin“ passt nicht so ganz. Der Begriff legt nahe, dass man in der DDR in der zweiten Hälfte der 80er Jahre nur penetrant bestimmte Rechte fordern musste, um den Staat zum Einsturz zu bringen.

Ganz so leicht war es nicht. Die DDR ist nicht am Protest der wenigen, die sich über Jahre zu protestieren wagten, kaputtgegangen. Aber die wenigen, zu denen Ulrike Poppe jahrelang gehörte, haben den Anfang vom Ende der DDR gemacht, sie haben den Untergang eines ausgezehrten Regimes und eines von der Substanz lebenden Staates beschleunigt. „Es wächst die Einsicht, dass die Demokratie durchaus errungen wurde“, sagt Ulrike Poppe sehr zurückhaltend. Das ist eine Anspielung auf den Dauerstreit über die Ursachen des Staatskollaps. Waren Land und Leute einfach am Ende - oder wurde das Greisen-Regiment der Altkommunisten mitsamt dem Jugendfunktionär Egon Krenz friedlich, aber entschieden wegrevolutioniert? Poppe sagt, sie freue sich darüber, dass das Fachleute inzwischen das Wort „Revolution“ für die Ereignisse im Oktober und November 1989 verwenden, auch wenn kein Mitglied des Politbüros während dieser Revolution erschossen oder aufgehängt worden ist. Sie sagt es nicht, aber das hat was von der Anerkennung einer Lebensleistung.

Die Botschaftsflüchtlinge im Sommer 1989, die Demonstranten mit Kerzen im Oktober – das waren die Bewegungen, die das Fundament des Staates DDR zerstörten. Doch Jahre vorher schon hatten sich Menschen wie Ulrike Poppe zusammengefunden. Poppe gehörte 1985 zu den Gründern der „Initiative Frieden und Menschenrechte“. Heute sagt sie über „unsere Rolle damals“, man habe das System bekämpft, indem man Öffentlichkeit herstellte: Man machte Forderungen bekannt, man setzte sich für inhaftierte Mitstreiter ein – auch, indem man westliche Medien informierte –, man provozierte den Staat und verließ sich darauf, dass der nicht mehr, wie in den fünfziger und sechziger Jahren, seine Kritiker und Gegner wegsperrte und seelisch zu brechen versuchte, sondern die Leute lieber aus dem Land warf.

Massiven Ärger hatte man dennoch. Ulrike Poppe erzählt, zeitweise sei sie von Stasi-Leuten in ihrer Wohnung bewacht worden. Ihre kleinen Kinder hätten versucht, die Männer zum Spielen zu animieren. Man kann sich denken, was daraus wurde. Heute sind die Kinder erwachsen, und Ulrike Poppe spricht von Berufs wegen mit den großen Kindern, die zum Beispiel aus München nach Berlin kommen, über die DDR. Neulich, erzählt sie, habe sie Gymnasiasten gefragt, ob sie Namen von DDR-Schriftstellern wüssten. Die Antwort sei negativ gewesen, sagt sie, ebenso bei der Frage nach Wolf Biermann. Poppe erzählt das nicht, weil sie meint, kulturelles DDR-Erbe bewahren zu müssen. Sie will damit sagen, das heute viele keine Vorstellungen von der letzten deutschen Diktatur mehr haben. Demokratie, sagt die ehemalige Bürgerrechtlerin, lebe eben davon, dass man sie benutze. Werner van Bebber

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