Bürgersender : Hier kommt Alex

Der Bürgersender soll moderner werden, inhaltlich und qualitativ: Der Offene Kanal Berlin hat einen neuen Namen – und verspricht besseres TV-Programm.

Miriam Schröder

Als Erstes hat er die Stühle rausgeschmissen, holzfarbene Dinger, wie sie in den Klassenräumen der 80er Jahre standen. Dann änderte er den Namen. Mit dem Relaunch am 27. Mai heißt der Offene Kanal Berlin (OKB) „Alex“. Es gibt ein neues Logo und Trailer – wie beim Profifernsehen. Und auch sonst soll sich beim Bürgersender einiges ändern.

„Früher kam es hier darauf an, dass man etwas sendet, nicht darauf, dass jemand zuschaut“, sagt der Kölner Journalist Volker Bach, der seit Anfang 2008 den OKB leitet. Er steht in seinem Fernsehstudio in der Voltastraße im Wedding und erzählt, wie er den vielleicht angestaubtesten Fernsehsender Deutschlands modernisieren will.

Den OKB gucken bisher höchstens Nachtschwärmer, die durch die Programme zappen und belustigt hängen bleiben, wenn etwa bärtige Männer auf Arabisch aus dem Koran vortragen. Einem größeren Publikum ist der Kabelkanal nur bekannt durch Skandale wie den, als ein NPD-Politiker hier ungehindert eine Stunde lang Propaganda machte.

Das ist zwar lange her, doch das Dilemma besteht weiter. Im Offenen Kanal darf jeder senden was er will. Das ist das Prinzip des Bürgerfernsehens, das in den achtziger Jahren überall in Deutschland aus einer urdemokratischen Idee heraus entstand: Jede Meinung hat ein Recht auf Öffentlichkeit, frei von Quoten und Hierarchien. Inhalte, die gegen das Gesetz verstoßen, sind verboten, eine Vorzensur gibt es nicht. Die Idee war herrlich – nur Zugucken schmerzte.

Der Offene Kanal Berlin hat rund 600 aktive Nutzer, so heißen die Amateurproduzenten. Manche reichen fertige Beiträge ein, andere drehen und schneiden ihre Sendungen im 80 Quadratmeter großen Studio. Die Mitarbeiter des OKB erklären ihnen Knöpfe am Mischpult und verleihen Kameras. Finanziert wird das durch Rundfunkgebühren, der OKB erhält in diesem Jahr 1,5 Millionen Euro. 1,3 Millionen Kabelhaushalte empfangen den Sender.

Die Einschaltquoten waren bislang nicht der Rede wert, sie wurden nicht mal gemessen. Wozu aber braucht man Bürgerfernsehen, wenn die Bürger nicht hingucken? Viele Städte haben darum ihre offenen Kanäle wieder abgeschafft. Auch im Berliner Abgeordnetenhaus stand der OKB schon auf der Abschussliste. Am Ende aber haben sie beschlossen, den Mitmachsender zu reformieren. Der OKB, so heißt es im Beschluss vom Februar 2008, soll moderner werden, inhaltlich und qualitativ.

Deshalb fliegen jetzt die Stühle raus. Und deshalb ist Volker Bach jetzt da. Die letzten zehn Jahre arbeitet er für die Produktionsfirma von Hans Meiser. Er hat Nachmittagstalkshows fürs Privatfernsehen gemacht und die Sendung „Veronas Welt“ produziert. Bachs Vision vom offenen Kanal sieht so aus: „Wir bilden ab, was in Berlin passiert, bieten eine Plattform für das wilde, kreative Geschehen in dieser Stadt.“ Da der OKB seinen Programmmachern aber nicht reinreden darf, muss Bach nun junge, hippe Menschen in sein Studio locken, denen der offene Kanal bisher viel zu uncool war.

Unter dem Label Ereignisfernsehen zeichnen die OKB-Mitarbeiter Veranstaltungen auf, für die sich die großen Sender nicht interessieren. Dazu gehört das Sommerfest der Konrad-Adenauer-Stiftung ebenso wie ein Konzert der Indie-Band „And you will know us by the trail of dead“. Bach sagt, er wolle die alten Nutzer nicht verdrängen. Das darf er auch gar nicht. Aber er kann das Programm umstrukturieren. Mit dem Relaunch wird es feste Sendeschienen geben. Am Vormittag Politik und Kultur, abends Theater und Konzerte. Am frühen Nachmittag und mitten in der Nacht gibt es Sendeplätze, die „Alle Themen“ heißen. Wird das Bibelfernsehen so geschickt entsorgt? „Der Tag hat 24 Stunden“, sagt Volker Bach und lächelt. 

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