Berlin : Bürgerstadt AG: Mit Spontaneität Wurzeln schaffen

Elisabeth Binder

Auf ihrem Balkon im vierten Stock hat sie Birken gepflanzt. Und Erlen. Vor drei Jahren hat sie die Samen in die Kästen gesetzt, und nun sind die Stämme schon dick wie Strohhalme. Das alte West-Berlin zog unkonventionelle Menschen an, die wiedervereinigte Stadt in den Jahren des Umbruchs hingegen lockte Macher mit Pioniergeist. Auf Ludovica Scarpa passt beides. Sie pendelt zwischen dem fragilen Venedig und dem robusten Berlin. In der Lagunenstadt lehrt sie Stadtgeschichte, an der Spree will sie welche machen. Mit ihren beiden Kindern lebt die temperamentvolle Frau mit dem offenen Lächeln in Prenzlauer Berg, in einem Haus, das für sie kurz nach dem Einzug im November 1993 zu einer Herausforderung wurde. Am 5. Januar teilte die Wohnungsbaugesellschaft mit, dass das Haus an ein fremdes Unternehmen verkauft werden solle. 90 Tage hätten die Mieter Zeit, sich zu einer GmbH zusammenzuschließen, dann könnten sie das Haus noch selber kaufen. Quadratmeterpreis damals: 620 DM.

Ludovica Scarpa begann ihre Runde durchs Haus, um die Nachbarn zu überzeugen, dass der Kauf langfristig die bessere Lösung sei. "Am 90sten Tag haben wir es in der allerletzten Minute noch geschafft", erinnert sie sich. "Wir reparieren nach und nach, wenn wir wieder Geld haben", lautete die Devise. Das Haus gegenüber wurde verkauft, saniert und in Eigentumswohnungen für 3500 DM pro Quadratmeter aufgeteilt. Die alten Bewohner sind dort am Ende alle ausgezogen, weil die Miete zu teuer wurde.

Ludovica Scarpa verhält sich gern ungewöhnlich. Als sie hört, dass die Besucherin Balkone mag, schlägt sie vor, draußen Platz zu nehmen. Ohne Schirm geht das an diesem Tag nicht. Dafür kühlen die Regentropfen den Eisenkrauttee, den sie eigens gebrüht hat.

Die Stadthistorikerin lehrt an der venezianischen Hochschule für Architektur und gleichzeitig engagiert sie sich als Gründungsmitglied in der Bürgerstadt AG. Nach dem Vorbild italienischer Kooperativen, die breiten Bevölkerungsschichten schnell zu Eigentumswohnungen verhelfen, will die Bürgerstadt AG erreichen, dass mehr Haushalte mit normalen Einkommen Wohnraum kaufen und sich so aktiv an der Entwicklung der Stadt beteiligen.

Dass sie von dieser Idee so begeistert ist, hat auch mit ihren Forschungsergebnissen über die Rolle der ehrenamtlich tätigen Honoratioren bei der Erschließung von Wohnraum für die Armen in der Luisenstadt im 19. Jahrhundert zu tun. Deren Mietunterstützungen förderten indirekt den freien Wohnungsbau. "Damals zahlte die Stadt nur für die Asphaltierung von Wegen", erzählt die Dozentin begeistert. "Alles andere lief in Eigeninitiative."

Aus der Theorie ist sie in die Praxis gewissermaßen hineingewachsen. 1977 kam sie als Studentin zum ersten Mal nach Berlin. Die Architekturhochschule hatte jemanden gesucht, der deutsch konnte und eine Diplomarbeit über die sozialdemokratischen Siedlungsbauten der 20er Jahre schreiben wollte. Ludovica Scarpa wollte sowieso aus ihrer Heimatstadt heraus. Dort konnte man nichts verändern. "Jeder Stein mahnt einen daran, wie perfekt es die Vorfahren schon gekonnt haben, alles steht unter Denkmalschutz." Sie verzieht das Gesicht und erwähnt ihr kleines Haus am Lido, auf das sie seit Jahren eine Terrasse bauen will; sie bekommt nur keine Genehmigung dafür.

Eigentlich gilt ja Venedig als Kapitale des Verfalls. Aber ausgerechnet der jungen Venzianerin kam Berlin damals furchtbar morbide vor. "Jeder zweite Laden war ein Bestattungsinstitut", resümiert sie ihre Eindrücke. "Und jeder erste verkaufte Trödel." Es machte gar nichts, wenn man in Schlafanzug und Pantoffeln durch die Straßen ging, niemand kümmerte sich darum. In Italien achtet man viel mehr auf Äußerlichkeiten.

In jener Zeit lebte sie in Kreuzberg, und schon damals litt sie unter fortgeschrittener Rastlosigkeit: "Ich kann keinen Vormittag mit einer Freundin zusammensitzen, ohne irgendwas zu planen." So ging es ihr auch 1982. Einige Komilitonen waren nach Abschluss des Architekturstudiums arbeitslos geworden. Ihr fiel ein, dass man zwecks Arbeitsbeschaffung doch eine "Zweite Hand" machen könnte. Das Vorbild kannte sie aus Mailand, "Secondo Mano", eine Zeitung mit Kleinanzeigen für Gebrauchtes aller Art. Gesagt. Gegründet. Eine elektrische Schreibmaschine wurde angeschafft. "Nach ein paar Monaten war die Zweite Hand etabliert."

Zeit für neue Herausforderungen. 1986 wurde Leo geboren, 1989 Thea. Damals lebte die Familie in einem Loft ohne Heizung; viel Geld war nicht da. Das konnte die positive Lebenseinstellung von Ludovica Scarpa nicht beeinträchtigen. Sie fragte sich: Was muss man machen, damit Kinder sich noch mehr freuen, auf die Welt zu kommen? Singen lernen! Aus dieser Zeit stammt ein Patentrezept. "Wenn man richtig depressiv ist, muss man zehn italienische Arien singen, dann ist alles wieder in Ordnung."

Gerade scheint wieder die Sonne auf den Balkon, und die zarten Blätter der Roterle schimmern im Nachmittagslicht. "Entweder schneidest Du mir die Venen auf, oder Du siehst zu, wie ich sterbe", singt sie mit schöner Altstimme. Ihre Kinder fanden das immer lustig. In den ersten Schuljahren pendelten sie mit der Mutter zwischen Venedig und Berlin, besuchten parallel zwei Schulen. Die Tochter hat es genossen, dem Sohn waren in Italien die Lehrer einfach zu spontan.

Bei der Mutter verbinden sich Spontaneität und langfristiges Denken. Gezielt gestaltet sich Ludovica Scarpa ein Umfeld, in dem sie sich auch im Alter noch wohlfühlen kann. In frei werdende Wohnungen sind überwiegend Freunde eingezogen, sie selbst besitzt von der Hälfte der Wohnungen die Schlüssel, gießt Blumen und füttert Haustiere, wenn andere Bewohner nicht da sind. Es ist ihr wichtig, "dass Menschen etwas zusammen machen, dass sie nicht vereinsamen". Ihr Ex-Freund wohnt in der Straße, der Vater ihrer Kinder lebt ein kleines Stück weiter südlich, alle in ähnlich privatisierten Häusern mit gut funktionierenden Hausgemeinschaften. Sie musste im Erdgeschoss einige Jahre warten, bis ihre derzeitige Wohnung im vierten Stock frei wurde, aber dann konnte sie auch die Nachbarwohnung dazu kaufen. Heute verfügt die Familie über vier Zimmer. In einem hängt ein schönes Bild, das der Großvater gemalt hat, mit Wellen und Möwen und einem lichtspielenden Himmel drauf. Dieser Großvater war der Hauptlieferant des väterlichen Bildergeschäfts in San Marco. Er war so kreativ, dass Enkelin Ludovica sich sieben Namen und sieben Biographien für seine Bilder ausdachte. Sie selbst hatte allerdings einen Horror davor, das Geschäft weiterzuführen, das wäre ihr zu eng gewesen.

Stattdessen die Hochschule dort, und die Bürgerstadt AG (www. buergerstadt.de) hier. Deren Büroräume liegen in der Inselstraße 1 in Mitte. Ganz in der Nähe, in der Grünstraße 16, befindet sich das Startprojekt, das bei einem Infoabend vorgestellt wird. Etwa 20 gut gekleidete Leute im besten Alter haben sich versammelt, um den Ausführungen des Architekten und des Finanzexperten zu folgen. Ludovica Scarpa moderiert die Veranstaltung. "Schön, dass Du gekommen bist", strahlt sie jeden an und verbessert sich dann immer wieder, eigentlich wollte sie ja "Sie" sagen, am Ende gibt sie den Versuch aber auf.

Für die Senatsbauverwaltung ist die AG noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Ob sie eine sinnvolle Ergänzung zu den vielen bestehenden Eigentumsförderungen werden könne, hänge davon ab, ob sie mit der Qualität ihrer Projekte überzeugen könne, heißt es dort zurückhaltend. Natürlich sind den Gründern die Selbsthilfe- und Privatisierungsprogramme des Senats bekannt, die AG richtet sich allerdings an den klassischen Mittelstand. Hinzu kommt der gesellschaftspolitische Hintergrund. Man will mit diesem Modell Wege aus der "Vater-Staat-kümmert-sich um-alles-Gesellschaft" zeigen.

Es gibt einen ausführlichen Vortrag. Später dürfen Fragen gestellt werden. Die meisten drehen sich um Risiken und Gestaltungsfreiheiten der Käufer. So viel Skepsis macht Ludovica Scarpa ungeduldig. "In Italien würden uns die Leute die Bude einrennen. Wir kümmern uns doch für Euch." Was hat sie bei ihren bisherigen Hausprojekten nicht alles gelernt über Fliesenpreise und Klempnerhonorare. Klar, hier sind die Mieten billiger als in Italien; der Anreiz, sich dem Kaufstress auszusetzen, ist also deutlich geringer. Trotzdem sei es Quatsch, ein Leben lang Miete an fremde Menschen zu zahlen, wenn man das Geld durch einen Kauf genauso gut an sich selber zahlen könnte, argumentiert Ludovica Scarpa mit unvermindertem Enthusiasmus.

Dieser Enthusiasmus passt zu der Berufsbezeichnung auf ihrer Karte: "Motivationsmanagement". Die entsprang ihrem Hang, sich einzumischen, wo sie Defizite entdeckt. An der Hochschule in Venedig war sie zunehmend schockiert über den Zustand, in dem die Absolventen ins Leben entlassen wurden. In der Prüfung zitterten sie vor Aufregung und wirkten ganz kümmerlich. "Da müssen wir etwas tun", sagte sie dem Rektor. "Was nützen ihnen die Architektur-Kenntnisse, wenn sie nicht souverän auftreten können?" Der Rektor wehrte zunächst ab, aber dann sagte er: "Mach das!" Zwei Jahre lang ließ sie sich in Kommunikationstraining ausbilden. Freunde fanden dann den Namen für ihren neuen Beruf.

"Mach das" lässt sich eine Frau, die schon mehrere Bäume gepflanzt hat, nicht zweimal sagen.

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