Bürokratie in Berlin : Schullandheim am Wannsee gefährdet

Das "Kinder-, Jugend-, und Gästehaus am Wannsee" trägt sich selbst. Dennoch hat es massive Probleme. Es ist in die Maschinerie der Bürokratie geraten - vom Land und dem Bezirk.

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Toben und Spielen - im Kinderparadies direkt am Wannsee und unter Grunewaldbäumen geht das prima.
Toben und Spielen - im Kinderparadies direkt am Wannsee und unter Grunewaldbäumen geht das prima.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Lehrer finden: „Das ist hier total klasse!“ So sagen es Hannah Rank und Clemens Katzer, Pädagogen an der Schöneberger Werbellinsee- Grundschule. „Wir entdecken den Wald“ nennen sie ihr Waldkunstprojekt, das sie gerade mit 30 Drittklässlern auf einem Wassergrundstück am herbstlichen Wannsee bei Nikolassee verwirklichen. Darauf steht seit Mitte der fünfziger Jahre ein traditionsreiches Schullandheim: das „Kinder-, Jugend- und Gästehaus am Wannsee“. Es ist ein Sozialprojekt des Kreuzberger Vereins „Praktische Pädagogik“. Es wird von festangestellten Pädagogen und Ehrenamtlichen mit vollem Einsatz betrieben, ist bestens gebucht und trägt sich wirtschaftlich komplett selbst. Dennoch ist es akut gefährdet. Es ist in die Maschinerie der Bürokratie geraten: vom Land Berlin und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Schüler sortieren gerade ihre gesammelten Waldfrüchte

Gut 15 Minuten läuft man vom S-Bahnhof Nikolassee über den Kronprinzessinnenweg zum Badeweg 7. Mitten im Laubwald steht dort ein langgestreckter Flachbau, nur ein paar hundert Meter vom Strandbad Wannsee entfernt. Am Zaun ein Schild: „Jugendfreizeitheim. Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.“ Dahinter toben Mädchen und Jungen, spielen Ping-Pong, Basketball. Andere sortieren Blätter und Rinden von Bäumen, die sie bestimmt haben, basteln Figuren oder Mosaike aus Eicheln, Bucheckern und anderen Waldfrüchten. Sogar ins Wasser haben sie sich zuletzt noch getraut, die idyllische Badebucht des Gästehauses, umrahmt von Schilf, ist zu verlockend.

Echte Waldschätze: Hier sortieren Kinder der Werbellinsee-Grundschule gesammelte Blätter und Baumfrüchte für ihr Wald-Kunstprojekt.
Echte Waldschätze: Hier sortieren Kinder der Werbellinsee-Grundschule gesammelte Blätter und Baumfrüchte für ihr...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nach 18 Uhr gibt’s Abendbrot in der rundherum verglasten Veranda des Gebäudes. Auf den Käseplatten hocken Radieschenmäuse, „Mmmhh!, rufen zwei Jungs, Superessen!“ Sie sind gerade von ihren Doppelstockbetten im Zimmer gesprungen. „Werwolfsrudel“ haben sie auf ihr Türschild geschrieben. Daneben gibt’s den „Biberbau“. Sozialpädagogin Marion Wegner, seit 15 Jahren im Team des Hauses, findet es „immer wieder faszinierend, wie die Kids hier jeden Tag mehr aufleben.“ Der Badeweg 7, das ist ein Kindertraum.

Gebaut wurde das Haus für die Aktion "Kinder in Luft und Sonne"

Das war schon die Idee der 1951 gestarteten West-Berliner Aktion „Kinder in Luft und Sonne“. Stadtkinder verbrachten Ferientage in Heimen am Wannsee, im Grunewald oder anderen im Westteil erreichbaren Naturoasen. Damals überließ die Forstverwaltung dem Bezirk Kreuzberg rund 10 000 Quadratmeter am Wannseeufer zu „Kindererholungszwecken“ auf unbegrenzte Zeit.

Der Bezirk errichtete darauf den bis heute erhaltenen Flachbau und organisierte dort Kinderfreizeiten bis zum Jahr 2000 in eigener Regie. Danach übernahm der gemeinnützige Kreuzberger Verein „Praktische Pädagogik e.V. “ per Nutzungsvertrag bis 2010 mietfrei das Gelände und führte die Kinderarbeit fort. Gemäß dieserVereinbarung musste der Bezirk weiter Haus und Gelände erhalten, der Verein aber künftig die Betriebskosten erwirtschaften. 2010 kam dann der nächste, für den Bezirk noch günstigere Deal: Seither trägt der Verein alle Kosten, so dass aus der Bezirkskasse kein Cent mehr für Betrieb und Erhaltung gezahlt werden muss.

Spaß am hauseigenen Sandstrand. Das Wassergrundstück des Gästehauses hat Vier-Sterne-Qualität.
Spaß am hauseigenen Sandstrand. Das Wassergrundstück des Gästehauses hat Vier-Sterne-Qualität.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die drei am Wannsee festangestellten Erzieher und Sozialpädagogen schaffen das bislang bestens. Dank ihres engagierten Einsatzes und freiwilliger Helfer, die Unkraut jäten, bei Reparaturen, beim Putzen oder im Büro zur Hand gehen. Von März bis Oktober kommen Schulklassen, Kitas oder Jugendgruppen aus ganz Berlin ins Heim, es ist dann zu mehr als 80 Prozent ausgebucht. Im Winter wird es auch für Familienfeiern oder Seminare vermietet. Ein wichtiges Ziel des in den 70er Jahren gegründeten Vereins, der auch andere Kinder- und Jugendbildungsprojekte betreut, sind „soziale Preise“. Damit Kinder finanziell schwächerer Familien „nicht ausgegrenzt“ werden. Hinzu kommt eine Reminiszenz an die 68er-Bewegung: Das Gästehaus gehört zu den letzten klassischen Kreuzberger Selbstverwaltung-Projekten. „Dieses Kinderparadies hier“, sagt Erzieherin Regina Gabbert, seit 1998 im Haus angestellt, „ist für uns alle eine Herzensangelegenheit“.

"Wir wollen doch gar kein Geld, sondern nur Sicherheiten", sagen die Betreiber

Soweit wäre alles in Ordnung, müsste das Gebäude nicht dringend vom Dach bis zum Sockel für rund 200 000 Euro saniert werden. Darlehensgeber hat der Verein schon im Frühjahr 2015 gefunden, aber diese fordern eine längerfristige Sicherheit, als sie der jetzige Nutzungsvertrag bis zum Jahr 2025 bietet. Deshalb bemüht sich das Team des Gästehauses seit knapp eineinhalb Jahren, beim Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksamt eine Verlängerung bis mindestens 2030 zu erreichen. Doch vergeblich. Der Bezirk favorisiert eine andere Lösung, er will das Haus ganz los werden. Die Berliner Forsten sollen alles übernehmen. Aber diese reagierten bisher zugeknöpft, weil Kinder- und Jugendarbeit nicht zu ihren originären Aufgaben gehöre.

Vom Bezirk fühlt sich der Verein Praktische Pädagogik "hingehalten"

Im Gästehaus liegen die Nerven blank. Ganz so, wie es Brandenburgs Sozialministerin nach der Wende, Regine Hildebrandt auf den Punkt brachte: „Die Bürokratie ist es, die engagierte Leute zur Weißglut treibt.“ Das Team am Wannsee fühlt sich hingehalten, der Bezirk antworte ausweichend oder gar nicht, während sich „die ökonomische Dramatik zuspitzt“, sagt Vereinsgeschäftsführer Wilfried Schwarz. „Sanierungsbedarf und Baukosten steigen ständig, günstige Zinsgarantien sind begrenzt.“ Dabei wolle man doch gar kein Geld, sondern nur Sicherheiten“, sagt Sozialpädagogin Marion Wegner, die seit 2001 dort arbeitet. „Warum also dieses absurde Theater?“

Die starren Zuschuss-Vorschriften des Landes schüren den Konflikt

Elke Schindowski, Chefin des Fachbereichs Jugendförderung im Bezirk , bemüht sich, dies zu erklären. Sie muss dazu erst mal Wortungetüme aus dem komplizierten Regelwerk anführen, nach dem Leistungen der Bezirke vom Land Berlin budgetiert werden. Da ist von der Bauwertbestandsliste, von budgetunwirksamen Kosten oder kalkulatorischen Zinsen die Rede. Kurz gesagt bedeutet dies: Für den Besitz einer Immobilie, in der ein Bezirk keine eigenen Leistungen erbringt, die er also nicht selbst nutzt, werden ihm bei der Berechnung der Geldzuweisungen Strafzinsen auferlegt. Diese zieht das Land pauschal vom Gesamtbudget ab, das ihm für erbrachte Leistungen, beispielsweise in der Jugendhilfe, zusteht. Dahinter steht der Gedanke, die Immobilie könnte ja auch verkauft werden und so die öffentlichen Etats entlasten.

Mit den Berliner Forsten wird bald neu verhandelt

Völlig unberücksichtigt bleibt dabei, dass bezirkseigene Häuser auch von Freien Trägern genutzt werden können, was unterm Strich für einen Bezirk meist wesentlich günstiger ist als ein Projekt dort selbst zu verwirklichen. Am Wannsee hat sich dieses Modell für Friedrichshain-Kreuzberg geradezu zum Vorzeigeprojekt entwickelt: Reale Kosten hat der Bezirk dort nicht. Dennoch zieht ihm das Land für dieses Gebäude jährlich rund 20 000 Euro Strafzinsen als fiktive Kosten vom Budget ab. Das Korsett dieser Vorschriften ist rigide, Ausnahmen gibt’s nicht, Angebot und Qualität spielen keine Rolle. „Die 20 000 Euro fehlen uns an anderer Stelle in der Jugendhilfe“, sagt Elke Schindowski.

Deshalb will der Bezirk Mitte Oktober erneut mit der Forstverwaltung verhandeln – zwecks Übernahme von Haus und Nutzungsvertrag. Es ist ein letzter Versuch. Sollte der nicht klappen, will man sich rasch um andere Lösungen bemühen. Das Haus sei ein Kleinod, sagt Elke Schindowski: „Absolut erhaltenswert.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Im Regelungswahn".

Mehr Infos: Gästehaus am Wannsee, www.haus- am-wannsee.de, Tel.: 8035503.

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