Berlin : Bummelzug im Prachtbahnhof

Derzeit baut die Bahn in Berlin wie ein Weltmeister. Doch nach 2006 ist kein weiteres Projekt für den Knoten Berlin gesichert

Klaus Kurpjuweit

Bis zur Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2006 baut die Bahn, so sagt es Berlin-Chef Peter Debuschewitz, wie ein Weltmeister. Danach aber droht der Abstieg. Von den vielen Projekten, die auf der Wunschliste stehen und zum längst beschlossenen Bahnkonzept gehören, ist für die Zeit nach 2006 kein einziges sicher auf den Weg gebracht. Nach dem Ausfall der Mauteinnahmen und der Kürzung der Zuschüsse für Investitionen fehlt das Geld. Damit droht nicht nur die Gefahr, dass das so genannte Pilzkonzept der Bahn ein Torso bleibt, es können auch Arbeitsplätze bei den Bahnplanern und in der Bauindustrie verloren gehen.

Weltmeisterlich baut die Bahn derzeit an ihrer neuen Nord-Süd-Verbindung mit dem Tunnel unter der Innenstadt und dem neuen Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof, der gigantisch groß und gigantisch teuer wird. Allein dieser Bereich kostet rund 500 Millionen Euro. Hinzu kommen die Bahnhöfe Gesundbrunnen und Papestraße. Doch wenn im Sommer 2006 die ersten Züge fahren, fehlen wichtige Zulaufstrecken: Im Süden werden die Züge lediglich auf der wieder aufgebauten Anhalter Bahn durch Lichterfelde zum Hauptbahnhof fahren. Der im Pilzkonzept vorgesehene Wiederaufbau der Dresdner Bahn durch Lichtenrade steht bisher nur auf dem Papier. Im Konzept des Verkehrsministeriums für 66 Investitionen im Bahnbereich bis 2008 sind für die Verbindung Berlin-Dresden lediglich 24 Millionen Euro in der ersten Realisierungsstufe vorgesehen. Gegenwärtig entsteht zwar am Prellerweg in Steglitz die mit rund 600 Metern längste Bahnbrücke der Stadt, auf der das Gleis der Dresdner Bahn Richtung Stadtgrenze die Anlagen der Anhalter Bahn überquert, doch ob es dann auch weitergeht, ist ungewiss.

Völlig ungewiss ist, ob die so genannte Stammbahn von Griebnitzsee nach Zehlendorf und von dort weiter bis zum Hauptbahnhof je wieder aufgebaut wird. Im Nord-Süd-Tunnel sind dafür bereits Millionen verbuddelt worden – möglicherweise nutzlos. Aber auch im Norden kommt die Bahn nicht wie geplant voran. Vom Wiederaufbau der Nordbahn durch Hermsdorf und Frohnau für den Fern- und Regionalverkehr ist derzeit keine Rede mehr. Frühestens 2015 könne man hier wieder planen, heißt es bei der Bahn. Die Züge Richtung Stralsund und Rostock müssen deshalb weiter über den Innenring durch Pankow fahren und am Karower Kreuz auf den Außenring wechseln. Vorläufig wird sie nur so ausgebaut, dass der Betrieb „gesichert“ ist. Die angepeilten kurzen Fahrtzeiten, für die der Knoten Berlin, der im Zentrum mit einem Milliardenaufwand ausgebaut wird, können damit nicht erreicht werden.

Auch aus der schnellen Verbindung nach Rostock wird nichts. 2006 sollten die Züge die Strecke in weniger als zwei Stunden zurücklegen. Doch statt die Strecke auszubauen, sind jetzt bis 2008 nur noch Instandhaltungsarbeiten vorgesehen. Nicht viel besser sieht es im Bahnknoten Berlin Richtung Osten aus. Im Schneckentempo baut die Bahn die Strecke Richtung Frankfurt (Oder) aus. Doch erst frühestens 2008 wird dieser Teil der europäischen Verkehrsachse Paris-Berlin-Warschau fertig sein. Da passt ins Bild, dass sich auch der Umbau des Ostkreuzes erneut verschiebt. Nach Jahren der Planung sollten die Arbeiter in diesem Jahr loslegen; jetzt ist von einem Beginn im nächsten Frühjahr die Rede.

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