Berlin : Bundestagsneubauten: Düstere Aussichten für Abgeordnete

Christian van Lessen

So hatten sich Touristen, aber auch Einheimische, das sprichwörtliche Berliner Tempo nicht vorgestellt: Als sie gestern mittag gegenüber dem Sony-Center am Potsdamer Platz den Bus der Linie 348 bestiegen, um zum Pariser Platz zu fahren, hielt der Bus zwar noch kurz an der sehr nahen Station Voßstraße / Potsdamer Platz, fuhr dann über die neue Route Ebertstraße ohne Halt durch die Behren- und Glinkastraße, bis er an der Ecke Unter den Linden / Friedrichstaße endlich stoppte. So mussten viele notgedrungen den Weg zurück antreten oder mit einem anderen Bus den Pariser Platz ansteuern.

Aber das schöne Wetter versöhnte schnell mit dieser Art von öffentlichem Fernverkehr, zumal ein Spaziergang gestern ohnehin viel reizvoller war als jede Busfahrt. Zehntausende von Berlinern und Gästen der Stadt nutzten die Gelegenheit, das Parlaments- und Regierungsviertel rund um den Pariser Platz zu inspizieren, von den Warteschlangen vor dem Reichstagsgebäude einmal abgesehen. Der Ebertplatz auf der Ostseite des halbmastbeflaggten Reichstagsgebäudes war wegen der Veranstaltung des Bundestags zum Volkstrauertag ausnahmsweise für Passanten gesperrt, der Zugang zum Spreeufer nicht möglich. Umso mehr zogen die Bundestagsneubauten die Blicke auf sich. Das Paul-Löbe-Haus, das sich nördlich des Reichstagsgebäudes an der Spree entlang zieht und dem künftigen Kanzleramt entgegenstreckt, ist weitgehend von Gerüsten befreit und bereits ein beliebtes Fotomotiv geworden. Wie das Kanzleramt soll es im Frühjahr bezugsbereit sein, wobei der große Berlin-Berlin-Umzug der Bundestagsabgeordneten erst im Sommer sein wird. Aber dass sich der Bundestagsbau aus der Tiergarten-Sicht wie ein Riegel vor die Spree geschoben hat, wird vielen Betrachtern erst jetzt richtig bewusst, und etliche Touristen wissen gar nicht, dass hier ein Fluss fließt. Da ist immer von den neuen Parlaments- und Regierungsbauten im Spreebogen die Rede, und man sieht weder einen Bogen noch die Spree. Aber der Bundeskanzler und die Bundestagsabgeordneten werden einen schönen Blick auf das Wasser haben. Außerdem ist ein Uferweg geplant.

Auch am Jakob-Kaiser-Haus an der Dorotheenstraße sind bereits Gerüste gefallen, die Straße selbst ist jedoch noch gesperrt und eine Intensiv-Baustelle. Hier sind fast alle Gebäude, die auch im Frühjahr fertig sein sollen, eingerüstet. Passanten, die in die enge Straßenschlucht von der Ebert- oder auch von der Wilhelmstraße blicken, kommen ins Grübeln. Es ist nicht die sichtbare Architektur, die recht dezent und mitunter sogar leicht mediterran wirkt. Es ist die Straße, die für Berliner Verhältnisse außergewöhnlich schmal und entsprechend dunkel ist, auch bei schönstem Sonnenschein. Viel Erleuchtung von oben werden die Abgeordneten hier nicht bekommen. Freundlicher sehen die fertiggestellten Fassaden gegenüber dem Reichstagsgebäude aus, wobei kritische Betrachter meinen, dass die Nachbarschaft zwischen Neubauten und Altbestand - speziell dem ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais - bei der Dachgestaltung etwas harmonischer hätte ausfallen können.

Die Spree ist nur zu erahnen

Von der Wilhelmstraße aus aber ist auch die Spree zu ahnen, und von der Marshallbrücke am ARD-Hauptstadtstudio lässt sich ihr geschwungener Lauf verfolgen. Sie fließt - touristisch gesehen - in Richtung Westen auf der Rückseite fotografischer Höhepunkte, lässt links den neuen, Jakob-Kaiser-Haus genannten Straßenblock und den Reichstag liegen, rechter Hand etwas, das bislang nur zu ahnen ist, obwohl der erste Spatenstich nun schon zweieinhalb Jahre her ist. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in dem unter anderem die Bibliothek und das Archiv des Bundestags sowie ein Mauer-Mahmmal untergebracht werden sollen, hätte ursprünglich schon zum Jahresende fertig sein sollen. Es wird ein Jahr länger dauern, bis der Bundestag auch die andere Spreeseite nutzen kann, beiderseits sind in die Neubauten dann - nach derzeitigem Stand - rund 1,8 Milliarden Mark geflossen.

Aber von Geld und genauen Fertigstellungsterminen steht auf den Bautafeln nichts, an denen die vielen Spaziergänger gestern vorbeikamen. Auch das schon fast fertige unterirdische Straßensystem zwischen den Neubauten blieb ihnen natürlich verborgen. Am verpackten Brandenburger Tor schlenderten sie auf auf die Ebertstraße zu, der kürzesten Verbindung zum Potsdamer Platz. Darauf, dass eine große Freifläche schon seit Jahren auf den Bau der US-Botschaft als Vollendung des Pariser Platzes wartet, fehlten größere Hinweise.

Von der benachbarten Hauswand leuchtete dafür weithin eine Werbetafel. Deren Botschaft kündete von Berliner Tempo anderer Art: Ganz Berlin fährt zur Expo.

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