Bundestagswahl 1987 : "Heute fehlen Charakterköpfe"

Kohl, Schmidt, Wehner - das waren Charakterköpfe. Christian Vorwerk wählte 1987 das erste Mal. Heute weiß er nicht mehr, was er wählen will. Vielleicht einmal gar nicht?

Christian Vorwerk
Christian Vorwerk ist 1966 geboren und hat 1987 zum ersten Mal gewählt.
Christian Vorwerk ist 1966 geboren und hat 1987 zum ersten Mal gewählt.Foto: privat

Ich heiße Christian Vorwerk, bin geboren 1966 und habe das erste Mal 1987 in Gütersloh gewählt. Eine rote Insel, umgeben von pechschwarzer CDU, wirklich stockkonservatives Dorf zu Kleinstadt. Ich habe darauf bestanden, dass ich allein wählen gehe, mit meinen Eltern hatte ich politisch überhaupt nichts gemeinsam.

Die erste Wahl kam eigentlich zu spät, weil ich schon 21 war. Hätte ich direkt an meinem 18. Geburtstag wählen können, wäre das Ganze vermutlich sehr viel eindringlicher gewesen.

"Ich war zu kleinstädtisch"

Wahlwerbespots – da kann ich mich an keinen einzigen erinnern. Gesehen habe ich sie wahrscheinlich irgendwo, aber wirklich interessiert haben sie mich nicht. Und auch die Wahlplakate, das hätte genauso gut sonst irgendeine Reklame sein können. Zu Demonstrationen bin ich nie gegangen. Dazu war ich zu kleinstädtisch, das war zu viel Aufregung.

Für die allgemeine politische Situation heute würde ich sagen, es fehlen die Charaktere. Von Kohl konnte man halten, was man wollte – ich mag ihn bis heute nicht –, aber er war ein Charakterkopf. Schmidt, Wehner – waren Charakterköpfe, die auch einen sehr dezidierten Duktus hatten. Wenn man sich heutzutage Gabriel anguckt oder Merkel oder wen auch immer, das ist alles glattgebügelt. Gerade in den letzten Merkel-Jahren wurde die gesamte Politik zu einem großen Einheitsbrei. Selbst die Grünen haben ihren Charme verloren. Das ist nicht mehr die reine Protestbewegung, sondern, na ja …

Die Piratenpartei ließ mich hoffen

Kurzzeitig gab es mal etwas, wo ich gesagt habe: Oh, bitte lass etwas daraus werden! Und das war die Piratenpartei. Die waren so wie die Grünen früher. Ich stehe heute wirklich vor dem Problem: Ich wüsste nicht, was ich wählen sollte. Und ich überlege ernsthaft, ob ich einen für mich radikalen Tabubruch begehe und tatsächlich mal nicht wähle.

Aufgezeichnet von Christian Vooren

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

11 Kommentare

Neuester Kommentar