Bundestagswahl : Berliner Kandidaten kämpfen im Netz - und mit ihm

Spätestens seit dem US-Wahlkampf von Barack Obama im vergangenen Jahr haben deutsche Politiker ihre Liebe zum Internet entdeckt. Auch viele Berliner Kandidaten twittern und netzwerken online – jedoch nicht ohne Schwierigkeiten.

Anna Sauerbrey

Die Linke Halina Wawzyniak hat irgendwo in Kreuzberg einen Platten. Frank Steffel, CDU-Kandidat, ist unterwegs in Reinickendorf und der Grüne Benedikt Lux empfiehlt der CDU, ihren Wahlkampfsong in das Green-Day-Stück „Wake me up, when september ends“ zu ändern. Da lacht die Internet-Gemeinde.

Wer beim Internetdienst Twitter zum „Follower“ Berliner Politiker wird, also deren Kurznachrichten abonniert, wird mehrmals täglich informiert, bei manchen Kandidaten praktisch über jeden Schritt und Tritt zwischen Schreibtisch und Infostand. Der politische Mehrwert dieser Informationen ist, nun ja, mäßig. Was will man auch vermitteln in 140 Zeichen? Dennoch setzen beim Werben um die Wähler immer mehr Politiker auf Online-Medien. „Social Media, Twitter und YouTube, sind die große Neuerung im Wahlkampf 09“, sagt die Politikwissenschaftlerin und Wahlkampfbeobachterin Andrea Römmele.

Und es sind nicht nur Spitzenpolitiker, die auf Internetkommunikation setzen. Auch aus Berliner Wahlkreisen wird getwittert und gepostet, geflickert und gebloggt. Wer wissen will, wie aktiv sein Wahlkreiskandidat im Netz ist, kann ihn oder sie zum Beispiel auf www.wahl.de nachschlagen. Die Betreiber der Seite ermitteln, was und wie viel Politiker im Internet treiben. Verzeichnet wird jeweils, welche Plattformen und Kommunikationsmittel sie nutzen, wie viele Anhänger sich mit ihren Profilen verlinkt haben oder ihre „Tweets“ verfolgen und wie viele Einträge die Politiker in den letzten Tagen eingestellt haben.

Nicht alle Parteien sind überall gleich aktiv. Das hat die Agentur „newthinking communications“, hinter der unter anderem der Politblogger Markus Beckedahl steht, zuletzt im Juli ermittelt. Auf Facebook und Twitter liegen Grüne und SPD in Sachen Anhängerschaft vorne, FDP und CDU können auf StudiVZ punkten. Für Berlin verzeichnet wahl.de 16 mehr oder weniger aktive SPD-Politiker, neun FDP-ler, ebenso viele Grüne, acht CDU-ler und fünf Linke. Die Betonung liegt auf „mehr oder weniger“. Denn es reicht nicht, ein Profil anzulegen. Dienste wie Twitter oder Facebook sind auf Dauerkommunikation ausgelegt. Das gelingt nicht jedem. Manche Twitter-Accounts sind tot, auch einige Facebookprofile werden nur alle paar Wochen gepflegt.

Verwunderlich ist das nicht, denn gerade für Wahlkreiskandidaten ohne Amt und Mandat ist Online-Kommunikation harte Arbeit. „Für die Kandidaten ohne Stab sind die neuen Kommunikationsformen eine erhebliche Belastung“, gibt der aktive Online-Wahlkämpfer Frank Steffel zu, CDU-Direktkandidat in Reinickendorf. Benedikt Lux, der für die Grünen kandidiert und ein gut gepflegtes Facebook-Profil hat, sagt, dass er für seinen Online-Wahlkampf etwa zehn Stunden in der Woche aufbringt.

Die Hoffnung darauf, dass sich der Aufwand lohnt, ist groß. Als Vorbild gilt Obamas Präsidentenwahlkampf. Persönlicher und authentischer wollen Politiker durch das Netz werden. „Es geht darum, mich als Person zu zeigen“, sagt etwa Eva Högl (SPD). „Ich vertrete im Blog ganz bewusst meine eigene Position, nicht nur die Position der SPD.“ Ihre Blogeinträge und Tweets schreibe sie deshalb selbst, sagt die Bundestagsabgeordnete, die in Mitte kandidiert. Dass Spitzenpolitiker ihre Blogs und Tweets nicht immer selbst verfassen, ist aber ein offenes Geheimnis.

Neben der Personifizierung des Wahlkampfes liegt die Hoffnung der Online-Wahlkämpfer darauf, Menschen zu aktivieren. „Erst kürzlich habe ich eine Twitter-Bekanntschaft am Infostand getroffen“, berichtet Eva Högl. Bei anderen haben die Erfahrungen die Hoffnungen gedämpft. „Die Kommunikation über Social-Media-Plattformen halte ich für überbewertet“, sagt Frank Steffel. „Hier wird nur ein enger Kreis von Sympathisanten angesprochen.“ Tatsächlich sind viele Politikerprofile selbstreferenziell. Kontakte und „Follower“ sind häufig Mitglieder der eigenen Partei. So sieht auch Andrea Römmele den Online-Wahlkampf für Wahlkreiskandidaten nur als Ergänzung. „Die Überwindung von Raum und Zeit, der große Vorteil des Online-Wahlkampfes, ist im Wahlkreis ja nur bedingt notwendig.“

Dass die Reichweite des Netzes im Wahlkampf noch beschränkt ist, ist Konsens unter Webbeobachtern. „Online-Wahlkampf wird nicht gemacht, um zu mobilisieren, sondern damit darüber geredet wird“, sagt Jochen König. Der Student der Universität Passau hat die „Wahlzentrale“ der Netzwerkplattform StudiVZ entwickelt. Ähnlich sieht es auch Sascha Lobo, einer der bekanntesten Blogger. Sein vernichtendes Urteil: „Das ist nichts anderes als eine aus tausend Teilen bestehende Pressemitteilung: Wir machen Social Media.“

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