Bundestagswahl : Die Welt schaut auf diese Stadt

Medientreff am Reichstag: Hunderte Journalisten aus 30 Ländern sind bei der Bundestagswahl live dabei

 Annette Kögel
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In Stellung gegangen. Rund um den Reichstag haben sich Kamerateams in einem kleinen Mediendorf positioniert. Auch...

Vor sich hat er Mikrofon und Kamera, hinter ihm liegt der Reichstag: Auslandskorrespondent Marcin Antosiewicz von „Telewizja Polska“ spricht seinen Fernsehbericht anlässlich der Bundestagswahl auf der Wiese vorm Reichstag. „Mit dem Sitz meines Anzuges bin ich aber nicht zufrieden“, sagt der junge Mann nach einem Blick auf den Kamerabildschirm. Am heutigen Sonntag haben rund 62, 2 Millionen Deutsche die Wahl – und weit über 1000 internationale Medienvertreter aus mehr als 30 Ländern sind ganz dicht dabei.

Von 8 bis 18 Uhr sind die Wahllokale heute geöffnet, ab 20 Uhr sollen die Wahlergebnisse aus der ganzen Republik in den Reichstagsbüros eingehen. Zahlreiche Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung haben heute keinen arbeitsfreien Sonntag, auch für sie hat die Cafeteria geöffnet. Anna Rubinowicz-Gründler, eine der Sprecherinnen der Bundestagsverwaltung, vermag beim besten Willen nicht aufs Komma genau zu beziffern, wie viele internationale Medienbeobachter dabei sind, denn das Akkreditierungsverfahren verlief anders als bei der vergangenen Wahl. „Zusätzlich zu den dauerhaft akkreditierten Journalisten haben sich rund 400 Redakteure angemeldet, dazu kommen mehr als 700 Techniker, Kameraleute und Beleuchter“, sagt die Sprecherin. Sogar am Wahltag können sich Fernseh-, Print-, Hörfunk- und Internet-Journalisten im Büro am Schiffbauerdamm in Mitte das orangefarbene Plastikkärtchen mit dem Bundesadler darauf abholen.

Auch die britische Bild- und Tontechnikerin Rachel Parry, 37, aus Nottingham, hat das Kärtchen angesteckt. Sie prüft die Gerätschaften in ihrem Übertragungswagen, „den habe ich gerade mit neun Stunden Fahrt aus Brüssel vor den Reichstag gefahren“. Am Sonnabend versendete sie als Vorbereitung auf den Wahltag einen Bericht über „ein deutsches Bierfest und eine Reportage über die Rezession in einem Berliner Unternehmen für Küchenzubehör“. Am Sonntag, da wollen die Fernsehzuschauer in Großbritannien „vor allem die Reaktionen auf das Wahlergebnis wissen“. Jetzt heißt es für sie: „24-Stunden-Dienst in Berlin“. Kalle Kaub, 40, Kameramann und Cutter bei der „European Broadcast Union“, organisiert die Medienauftritte auf der „Eurovisionsbühne“ hinten auf der Reichstagswiese. Die sieht aus wie eine Rockbühne, sieben Kameras stehen dort, Korrespondenten aus Ländern von Armenien bis Zypern stellen sich heute im Zehnminutentakt vor die Linse. „Uns sprechen viele neugierige Touristen an, das ist alles total entspannt hier“, sagt Kaub. „Ich habe schon bei vielen Wahlen im Ausland gearbeitet, da läuft das völlig anders.“

In Berlin aber, vorm Sitz des Bundestags, da fotografieren sich spanische Touristen inmitten der Kameras, da rollen die Velotaxen-Städteführer zu den Fuhrparks, Satellitenschüsseln, Transporttrucks und Videoleinwänden. Der polnische Korrespondent Antosiewicz rechnet wie viele seiner Landsleute damit, „dass Merkel Kanzlerin bleibt“. Er ist extra wegen der Wahl ein halbes Jahr in Deutschland, „unser wichtigster Nachbar“. Am Tag der Tage werden die Besucher sogar ganz oben, in der Reichstagskuppel, den medialen Wahlbeobachtern bei der Arbeit über die Schulter schauen können.

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