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Bundestagswahl : Guerilla-Wahlkampf in Berlin

Verfremdete und gefälschte Plakate lockern den Wahlkampf auf und ärgern die Parteien. Manchmal freuen sich die Betroffenen auch. Haben Sie auch manipulierte Poster entdeckt? Schicken Sie uns Ihre Fotos!

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Verfremdete und gefälschte Plakate lockern den Wahlkampf auf und ärgern die Parteien. Hier Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin - geteert und gefedert auf einem Wahlplakat in Berlin. Haben Sie auch manipulierte Poster entdeckt? Schicken Sie uns Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
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22.09.2013 16:56Verfremdete und gefälschte Plakate lockern den Wahlkampf auf und ärgern die Parteien. Hier Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin -...

Gerade erst ist es an Wänden und Stromkästen in Mitte aufgetaucht. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein weiteres Plakat der Linken. Nur der Slogan macht stutzig: „Wer Die Linke wählt, wählt Merkel“. Darunter kleingedruckt die Internetadresse: www.nur-scheinbar-sozial.de. Klares Indiz: ein weiterer Fall von Guerilla-Wahlkampf, wie man ihn bei dieser Bundestagswahl quer durch die Stadt erlebt. Also Wahlkampf mit ungewöhnlichen, überraschenden und nicht immer legalen Methoden, die mit geringem Einsatz große Effekte erzielen können – und sei es mit einer Lüge.

„Graf Drakugührs“ gegen Blutsauger

Denn statt der Linken stecken hinter dem Plakat wahrscheinlich Kritiker aus dem linken Spektrum, vermutet Parteisprecher Thomas Barthel. Allerdings haben die ihre Idee nicht zu Ende gedacht: Die Internetadresse www.nur-scheinbar-sozial.de war beim Erscheinen der Plakate nicht vergeben. Die Linke reagierte schnell und sicherte sich die Seite. Nun landet man also dank des Anti-Linken-Plakates wiederum auf einer Website der Linken – quasi ein Guerilla-Schachzug gegen Guerilla-Wahlkämpfer.

Verfremdungen von Wahlplakaten, wie man sie überall in der Stadt sieht, ärgern die Wahlkämpfer der betroffenen Parteien in den meisten Fällen, da sie solche Plakate in der Regel austauschen müssen – manchmal amüsiert es sie aber auch, wie quer durch alle Parteien zu hören ist. So hat Grünen-Landeschef Daniel Wesener schon manchmal „herzhaft gelacht“, wenn Straßenkünstler sich über Grünen-Plakate hergemacht haben. Besonders viel Aufmerksamkeit erregte in Kreuzberg wie berichtet das Plakat des Grünen-Kandidaten Christian Ströbele, dessen Konterfei reihenweise mit dem des Schauspielers Johannes Heesters überklebt wurde, der in diesem Jahr 110 Jahre geworden wäre.

Ströbele als Heesters? Das bescherte dem Betroffenen Zuspruch

Das bescherte dem Betroffenen übrigens eher Zuspruch, als dass es ihm schadete, sagt Wesener: Einerseits habe es viele Solidaritätsbekundungen mit Ströbele gegeben. Andererseits gratulierten Wähler den Grünen zu ihrer Fähigkeit zur Selbstironie – nicht wissend, dass hinter der Verfremdung die Satirepartei „Die Partei“ stand.

Manche Wahlkämpfer setzen unkonventionelle, illegal aussehende Mittel ganz offiziell ein. So wirbt in Lichtenberg der SPD-Direktkandidat Erik Gührs mit einem Bild von sich, dass seine Wahlhelfer mit Schablonen auf Gehwege sprühen – statt Lack nutzen sie Kreide, so dass das Ordnungsamt nichts dagegen hat. Der 31-jährige Sozialdemokrat pflegt ein entspanntes Verhältnis zu politischer Straßenkunst: Als Unbekannte ein Fotoplakat von Gührs mit Vampirzähnen verzierten, stellte er das Foto auf seine Facebook- Seite und schrieb, er stehe als „Graf Drakugührs“ für Mietenbremse und Mindestlohn, „damit die Leute nicht ausbluten“.

Polit-Praktikanten riskieren Strafanzeige für "Die Partei"

Sympathisanten der Satire-Partei "Die Partei" riskieren sogar Strafanzeigen vor der Wahl. Ein 24-Jähriger wurde nach Polizeiangaben in den Nächten zu Montag und Dienstag gleich zweimal festgenommen. Beim ersten Mal hatte er Plakate der Grünen am Witzlebenplatz Ecke Kaiserdamm umgestaltet, am Dienstag früh am Friedrich-Wilhelm-Platz in Friedenau, dann Plakate der CDU und der FDP. Die Polizei konnte genau beschreiben, wie: FDP-Spitzenmann Rainer Brüderle bekam mit schwarzem Stift eine Sonnenbrille aufgepinselt und ihm wurde ein schwarzer Bär mit einer Schablone auf die Wahlplakat-Schulter gesprüht. Komplettiert wurde die Guerilla-Aktion mit einem Aufkleber der "Partei". Bei Angela Merkel von der CDU reichte es nur für rote Augen, dann war die Polizei da.

Die Beamten stellte schnell fest,  dass sie den 24-Jährigen eine Nacht zuvor in Charlottenburg schon einmal erwischt hatte.  Er erhielt Strafanzeige Nummer 2 wegen Sachbeschädigung und durfte wieder von dannen ziehen. 

In der Nacht zu Dienstag war es eine zufällig vorbeifahrende Funkstreife, die den "Partei"-Mann beim Schmieren beobachtete. In  Charlottenburg hatte sich ein Passant eingemischt, und zwar handfest. Nach Polizeiangaben hatte ein 52-Jähriger den 24-Jährigen und seine 41 Jahre alte Begleiterin "zur Rede gestellt".  Zeitgleich ergriff er den Henkel des Kleistereimers, den die Frau in der Hand hielt, so dass sie dabei am Ellenbogen verletzt wurde. Vermutlich deshalb verlor die Frau ihren Humor und zeigte den 52-jährigen Zeugen wegen Körperverletzung an. 

In der vergangenen Woche hatte die "Partei"  bei ihrem Wahlkampfauftakt  "20 willige Polit-Praktikanten" vorgestellt, die "die Arbeit übernehmen sollen".  Die "Partei" wurde 2004 von Redakteuren des Satire-Magazins Titanic gegründet, trotz des  parodistisch-satirischen Charakters erfüllt sie die Voraussetzungen des Parteiengesetzes und kandidiert bei der Bundestagswahl. Vorsitzender ist Martin Sonneborn.

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