Bundestagswahl lokal : Wo die Berliner extrem wählen

Kieze wählen so, wie sie ticken. Spannend sind deshalb die Rekorde der Parteien. Ein Blick auf die Wahllokale mit den stärksten und den schwächsten Ergebnissen der Parteien in Berlin.

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Ströbele hat sein Direktmandat zwar in Friedrichshain-Kreuzberg geholt, doch in der Hobrechtstraße am Hermannplatz bekamen die Grünen die meisten Zweitstimmen in Berlin. Foto: dpa
Ströbele hat sein Direktmandat zwar in Friedrichshain-Kreuzberg geholt, doch in der Hobrechtstraße am Hermannplatz bekamen die...Foto: dpa

Auch große Wahlen werden im Kleinen entschieden – nämlich in den Wahllokalen. Nachdem alle Stimmzettel ausgezählt sind, lässt sich ein Abbild der Kieze zeichnen. Während die Erststimmenerfolge – Frank Steffels (CDU) 44,9 Prozent in Reinickendorf, Karl-Georg Wellmanns (CDU) 42,4 in Steglitz-Zehlendorf, Gregor Gysis (Linke) 42,2 in Treptow-Köpenick – oft dem Charisma und/oder der bisherigen Leistung der Direktkandidaten zu verdanken sind, fördert der Blick auf die Parteistimmenrekorde – also die stadtweit höchsten und niedrigsten Zweitstimmenergebnisse – in den einzelnen Wahllokalen Erstaunliches zutage. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die Grünen ihren Spitzenwert gar nicht in Friedrichshain-Kreuzberg erreichen und die AfD nur in einem einzigen von mehr als 1000 Wahllokalen völlig leer ausging? Nachfolgend ein Blick durch die Lupe aufs parteipolitische Berlin.

CDU

Wer die Heerstraße Richtung Spandau fährt und hinter der Freybrücke nach links schaut, sieht hinter der Scharfen Lanke das aktuell schwärzeste Stück Berlin: Im Wahllokal an der Jaczostraße gingen 53,2 Prozent der Zweitstimmen an die CDU. Der Gegenpol befindet sich in Kreuzberg am Kotti: Würde allein das Wahllokal in der Adalbertstraße über den Bundestag entscheiden, wären Angela Merkel und ihre Mannschaft mit 4,1 Prozent nicht in den Bundestag eingezogen.

SPD

Bei den Sozialdemokraten sind die Ausschläge nicht so heftig. Ihr bestes Ergebnis holten sie mit 39,5 Prozent der Zweitstimmen an der Gartenfelder Straße, wo Siemensstadt an Haselhorst grenzt. Hier dominieren vier- bis fünfgeschossige Blöcke aus der Nachkriegszeit. Und da Siemens nicht weit ist, darf der Kiez wohl als Arbeiterviertel gelten. Das andere Ende markiert ein Lokal am Bachstelzenweg in Dahlem. Hier, wo die Hecken hoch, die Straßen schmal und die Einfahrten breit sind, schaffte die SPD nur 13,6 Prozent.

Linke

Ergebnisse wie einst ihre Vorvorgängerpartei bei der Volkskammerwahl holt die Linke nirgends mehr, aber zumindest an der absoluten Mehrheit kratzt sie noch: In der Sewanstraße in Friedrichsfelde – eine luftige Plattenbaugegend – holte die Linkspartei am Sonntag 49,5 Prozent. Undenkbar für die Wähler in der Bismarckallee in Grunewald. Hier, wo zu den Klingelschildern an den schattigen Grundstückstoren eher eine Kamera als ein Namensschild gehört, kamen die Linken auf 2,2 Prozent.

Grüne

Wo Ströbele radelt, sind die Grünen auch als Partei gut – aber in Neukölln sind sie besser: An der Hobrechtstraße, wo die Sonnenallee auf den Hermannplatz trifft, brachten sie es auf ungeschlagene 32,5 Prozent der Zweitstimmen. Gar nicht grün waren sie sich dagegen mit den Wählern am Geraer Ring in Marzahn: Hier, wo die ganz hohe Platte ihre Schatten aufs Dorf Ahrensfelde wirft, erhielten sie nur ein Prozent. Oder, als absolute Zahl: Sechs Zweitstimmen.

FDP

Westerwelle, komm tanz mit mir? Ja, das gibt’s noch. Am Bachstelzenweg in Dahlem – dem Jammertal der SPD – kann der Außenminister noch mit den 18-Prozent-Sohlen stolzieren: 18,5 Prozent gingen hier an die FDP. An der Neuendorfer Straße in Hakenfelde und an der Pankstraße in Gesundbrunnen ging dagegen gar nichts mehr: 0,0 Prozent.

Piraten

An der Hausburgstraße, wo Friedrichshain näher an Lichtenberg als an Kreuzberg ist, bläht eine frische 11,5-Prozent-Brise die Segel der Piraten. Am Bildhauerweg in Rudow ist die Luft allerdings raus: 0,4 Prozent bedeuten das stadtweit schlechteste Ergebnis.

AfD

Am Borchertweg in Spandau wollen die Wähler die D-Mark besonders dringend zurück: 10,9 Prozent erhielten die Eurokritiker hier. In der Weinmeisterstraße nördlich des Hackeschen Marktes dagegen ist der (hier oftmals in teure Wohnungen investierte) Euro sicher und die AfD keine Alternative: 0,0 Prozent.

NPD

Nazis raus? Ja, aus Teilen der Stadt sind sie verschwunden: In mehr als 60 Wahllokalen, vorwiegend in Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf, holte die braune Truppe keine einzige Zweitstimme. Anders im nördlichen Hellersdorf: An der Tangermünder Straße, wo Plattenbauten aus den letzten DDR-Jahren stehen, kam sie auf 12,9 Prozent. Etwas südlich, wo der Kampf um das Flüchtlingsheim tobte, sind es wie berichtet 10,2. Die Top-Ten-Liste der NPD ist auf Marzahn-Hellersdorf beschränkt.

Die Partei

Spaß muss nicht überall sein. Die Satiretruppe ging rund 30 Mal leer aus. Nur am Leuschnerdamm in Kreuzberg kam sie auf 5,1 Prozent. Witzig.

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