Bundestagswahlkampf in Berlin : Grüne Welle in Friedrichshain-Kreuzberg

Schon zweimal hat er das Direktmandat im Bezirk geholt: der Grüne Hans-Christian Ströbele. Diesmal wollen die Kandidaten der anderen Parteien dem 70-jährigen Revoluzzer Stimmen abjagen.

Sabine Beikler
299876_0_1999eea2.jpg Foto: Mike Wolff
Verbindendes Element. Seit 2001 gehören Kreuzberg und Friedrichshain zusammen. Zwei Szenebezirke, die heute mehr eint als die...Foto: Mike Wolff

Ein älteres Ehepaar in der ersten Reihe tuschelt: „Sag mal, wie heißt der gleich wieder? Sträubele oder so ähnlich?“ Christian Ströbele muss sich an diesem Abend in der Alten Feuerwache in der Marchlewskistraße einiges anhören. Mit „Herr Schäuble“ wird der grüne Direktkandidat angesprochen, und die Anrede „Herr Sträubele“ wird der Bundestagsabgeordnete auch nicht los. Eingeladen zur Diskussionsrunde mit überwiegend älteren Menschen mit DDR-Vergangenheit haben das Komitee für Gerechtigkeit und die Volkssolidarität. Es geht um Afghanistan, Hartz IV, um soziale Gerechtigkeit und auch um die Weltanschauung des 70-jährigen Kandidaten, der in diesem Kreis mit vielen SPD- und Linkspartei-Wählern immer wieder auf seinen Anti-Kriegs-Kurs und seine Ablehnung von Bundeswehreinsätzen wie im Kosovo hinweist. Bei so viel Anti-Haltung dauert es nicht lange, bis Ströbele die Frage gestellt bekommt: „Fühlen Sie sich nicht sehr einsam bei den Grünen?“

299877_0_f1aa3e63.jpg Foto: Kai-Uwe Heinrich
Hans-Christian Ströbele (Grüne): Er holte das Direktmandat zweimal. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der „nach wie vor begeisterte Grüne“, wie er sagt, tritt das dritte Mal im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg an. Zweimal hat er das Direktmandat bisher geholt. Vor vier Jahren lag er mit 43,2 Prozent Erststimmenanteil über 20 Prozentpunkte vor der SPD, der Linken und mehr als 30 Prozentpunkte vor der CDU. Ströbele ist einer der bekanntesten Politiker. Sein „Heimspiel“ hat der Parteilinke in Kreuzberg, im Graefe-Kiez zum Beispiel, wo der gebildete, gehobene Mittelstand wohnt, der mit Grün sympathisiert: Medien- und Filmleute, Architekten, junge Familien und alleinerziehende Frauen. Nur in dem Teil von Friedrichshain, in dem gut situierte Ältere wohnen, die sich ihre Rente zu DDR-Zeiten erarbeitet haben, ist Ströbele einer von vielen.

 In den großzügig geschnittenen Wohnungen der 50er-Jahre-Häuser entlang der Karl-Marx-Allee wohnen viele Rentner. Sie beklagen zum Beispiel die Schließung der kleinen Geschäfte entlang der Straße. Hier hat die Kandidatin der Linken, Halina Wawzyniak, die auf den Plakaten „Mit Arsch in der Hose“ in den Bundestag ziehen will, Anhänger. Bei strömendem Regen verteilt die 36-jährige Juristin und Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksvorsitzende der Linken unter der S-Bahnbrücke Frankfurter Allee nahe dem Ring-Center in Kapuzen-T-Shirt und Regenjacke Wahlkampfflyer. Wawzyniak kämpft vor allem um Stimmen bei Hartz-IV-Empfängern und den Unzufriedenen, die der Politik vorwerfen, auch 20 Jahre nach der Wende viel zu wenig für den „Annäherungsprozess Ost-West“, wie es eine Dame um die 70 sagt, getan zu haben. Wawzyniak plädiert statt für Hartz IV für die Einführung einer sanktionsfreien Mindestsicherung. Bleibt ein Passant vor ihrem Plakat mit der Rückansicht stehen, stellt sie sich vor: „Ich bin das Gesicht zu dem Arsch.“

299878_0_0c2cdb3c.jpg Foto: promo
Björn Böhning (SPD): Er will Ströbele Stimmen abjagen. -Foto: promo

Wawzyniak und der SPD-Direktkandidat Björn Böhning haben trotz aller parteipolitscher Differenzen ein gemeinsames Ziel: Ströbele so viel Stimmen wie möglich abzujagen. Der 30-jährige Direktkandidat ist nicht über die SPD-Landesliste abgesichert. Auch wenn laut Wahlforschungsinstitut election.de der Wahlkreis für Ströbele als relativ sicher gilt, nimmt Böhning seinen Auftrag sehr ernst. Er steigt selbst an einem der heißesten Sommertage dieses Jahres fast alle Häusertreppen auf der Erich-Weinert-Straße rauf und runter. Mehr als 5000 „Hausbesuche“ hat der SPD-Parteilinke während des Wahlkampfs bisher gemacht. Er klopft, klingelt an jeder Tür eines fast abbruchreifen Mietshauses, in dem die Mieter per Aushang aufgefordert werden, keine Essensreste mehr aus dem Fenster zu werfen.

 Öffnet sich eine Tür, sagt der Jurist freundlich zu Menschen in Unterhose oder mit Joint in der Hand: „Guten Tag, dürfen wir Ihnen einige Infos zur Bundestagswahl geben?“ Die Anwohner nicken alle freundlich, nehmen den Wahlkampfflyer entgegen. Einige sagen: „Mensch, Sie sind doch der auf dem Plakat. “ Und Böhning strahlt, wenn ihn jemand auf dem Pop-Art-Plakat mit seinem Konterfei erkennt. Er muss sich auch in den traditionellen Arbeitervierteln mit SPD-Wählern, einer Mischung aus Hinzugezogenen, gefühlten Wendeverlierern und bürgerlichem Mittelstand viel Bundespolitik anhören. Eine ältere Dame hat „Angst vor Rot-Rot“ auf Bundesebene. Böhning beschwichtigt: Nein, mit „denen“ werde es keine Koalition 2009 geben. Auf Landesebene aber sei Rot-Rot doch „ganz zahm“ geworden. Das muss Böhning auch quasi qua Amt als politischer Stratege in der Senatskanzlei sagen.Neben seiner Konkurrentin Wawzyniak ist er der Einzige, der Ströbeles Allmacht als Direktkandidat in diesem Wahlkreis ins Wanken bringen könnte.

299879_0_38701e9f.jpg Foto: ddp
Vera Lengsfeld (CDU): Sie erregt auch mit Plakaten Aufsehen. -Foto: ddp

Außer Konkurrenz kämpft dagegen Christdemokratin Vera Lengsfeld um Erststimmen. Für Furore sorgte die 57-Jährige mit ihrem Busen-Plakat. Und als sie gegenüber dem Ökomarkt am Lausitzer Platz steht, eine Gegend mit der typischen „Kreuzberger Mischung“ aus Studenten, Szene-Leuten, Familien und türkischen Migranten, quietscht ein Auto scharf um die Kurve. Junge Männer darin grinsen sie an und heben den Daumen.

Vera Lengsfeld freut sich auch über diese Aufmerksamkeit. Sie habe sich nichts vorzuwerfen. Und dass die Bundeskanzlerin ohne Wissen als Plakat-Pendant säuerlich reagiert haben könnte, glaubt sie nicht. „Merkel ist eine Frau mit Humor“, sagt die Bürgerrechtlerin, die Mitte der neunziger Jahre von den Grünen zur CDU wechselte.

Die Union ist heute nicht mehr so wie vor 20 Jahren, sagt sie, und hofft mit ihrer Popularität auf Stimmen von jungen Leuten. Die künftige Spreebebauung müsse „geklärt“ und ein Kompromiss gefunden werden. Während sie erzählt, linst ihr Labrador Amy verschlafen zu ihr hoch. Da weiß der Hund noch nicht, dass er bald an die Leine kommt und das nächste Plakatmotiv mit Frauchen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben